Thomas von Aquin mit der Summa

Fra‘ Angelico, ca. 1442 (Museo nazionale di San Marco, Florenz, © wikimedia)

Theologie im Ursprung

Bibelauslegung bei Thomas von Aquin

Alle Theologie hat ihren Ursprung im Wort Gottes. Thomas von Aquin (1224/5-1274) versteht sich daher selbst vor allem als biblischer Theologe, der die Quellen seines Denkens wie seiner Spiritualität in der Heiligen Schrift findet.  Zugleich sieht sich Thomas vor die Aufgabe gestellt, von der Bibel her die Theologie als eine Wissenschaft zu konzipieren, die jenen Standards entspricht, wie sie durch die Philosophie des Aristoteles formuliert wurden und im 13. Jahrhundert zur Grundlage von abendländischer Rationalität und Wissenschaftlichkeit wurden. Aber auch die Tradition der Kirchenväterexegese mit ihrer Lehre von den geistlichen Schriftsinnen geht in die Schriftauslegung des Thomas ein – und lässt so einen vieldimensionalen Blick auf die Heilige Schrift entstehen. 

Das Forschungsprojekt „Theologie im Ursprung“ der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Professur für Neues Testament der Universität Luzern beabsichtigt, die Schriftauslegung des Thomas von Aquin
1. in ihren hermeneutischen Voraussetzungen wie
2. in ihren zentralen inhaltlichen Dimensionen zu erschließen und damit die Grundlagen freizulegen, aus denen das Denken des Thomas lebt und auf denen sich die Theologie als Wissenschaft entwickeln konnte.

Diese Seite dokumentiert die Ergebnisse unserer Arbeit. Sie lädt dazu ein, Thomas von Aquin als biblischen Theologen zu entdecken und mit ihm einen Zugang zum Wort Gottes zu finden.

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Veranstaltungen und Vorträge

Im Rahmen von Veranstaltungen sollen die Schriftkommentare des Thomas in ihren zentralen Inhalten exemplarisch vorgestellt und diskutiert werden. Auf diese Weise kann Thomas im Konzert der theologischen Disziplinen neu eine Stimme erhalten: Welche Impulse kann die Auslegung der Heiligen Schrift durch Thomas von Aquin erfahren? Welche inhaltlichen Einsichten und welche methodischen Zugänge verdienen besondere Beachtung? Wie läßt sich die katholische Lehre mit Thomas von ihren biblischen Ursprüngen her verstehen? Was hat der Schriftausleger Thomas von Aquin der heutigen Theologie zu sagen?

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Übersetzerwerkstatt

Nur ein Bruchteil der Schriftkommentare des Thomas von Aquin liegt bisher in deutscher Sprache vor. Eine erste wesentliche Aufgabe besteht darin, die Texte auf Deutsch zugänglich zu machen. Im Rahmen eines Übersetzerkollegiums werden deutsche Übersetzungen zentraler Texte aus den Bibelauslegungen des Thomas erstellt, die rezeptionsrelevant und für die Theologie des Thomas von zentraler Bedeutung waren. Zugleich werden Kriterien der Übersetzungsarbeit erarbeitet und diskutiert. Die Übersetzungen werden auf dieser Homepage zugänglich gemacht sowie in gedruckter Form als book in demand. – Zu Mitarbeit und Unterstützung laden wir herzlich ein!

Thomas von Aquin und die Bibel – Ein Blick auf die Biographie

Das Leben des Thomas von Aquin steht ganz im Zeichen des göttlichen Wortes, seiner Auslegung und Verkündigung. Mit seinem Eintritt in den Bettelorden der Dominikaner im Jahr 1244 in Neapel nimmt er Teil  an der großen evangelischen Armutsbewegung seiner Zeit, die nach einer radikalen Erneuerung des christlichen Glaubens und Lebens aus den biblischen Ursprüngen. In der Nachfolge des armen Wanderpredigers Christus wird die Bibel für Thomas gleichermaßen zur Richtschnur seines Lebens wie zur Quelle seines Lehrens und Schreibens.

Im Prinzip: das Wort

Das Schriftverständnis des Thomas hat seinen Ursprung in Jesus Christus selbst, dem ewigen und fleischgewordenen Wort Gottes. Von diesem einen Wort her erhalten die vielen Worte der Heiligen Schrift ihren Sinn und ihre Kraft. Der Name „Wort“ (Verbum) oder „fleischgewordenes Wort“ (Verbum incarnatum) ist unter den verschiedenen Namen, welche die Bibel für Christus bezeugt, der von Thomas bevorzugte. Er ist gewissermaßen sein Lieblingsname. Der Prolog des Johannes-Evangeliums, auf den diese Bezeichnung zurückgeht, wird daher vom „archimedischen Punkt“ des Schriftauslegung des Thomas.

Das „Principium biblicum“ - Auftakt und Arbeitsprogramm

Im Frühsommer des Jahres 1256 hält der junge Magister Thomas von Aquin an der theologischen Fakultät der Pariser Universität seine An­trittsvorlesung. Zum ersten Mal gibt er darin Auskunft über sein Selbstverständnis und Lehrer und Theologe. Er führt es zurück auf die Heilige Schrift, die er entsprechend empfiehlt und mit einer umfassenden Einteilung versieht, in dem jedes der 73 Bücher des Alten und Neuen Testaments, mit einem Leitthema versehen wird und seinen organischen Platz findet. Damit formuliert Thomas zugleich das „Arbeitsprogramm“ seiner exegetischen Schriften. Bezeichnenderweise ist die Antrittsvorlesung des Thomas unter dem treffenden Titel „Principium biblicum“ überliefert.

Thomas-Autograph aus dem Kommentar zum Propheten Jesaja

(Cod. Vat. Lat. 9859)

Die Bibelkommentare des Thomas von Aquin

Für Thomas von Aquin ist die Lesung und Auslegung der Heiligen Schrift der erste und ursprüngliche Aufgabe des Theologen. Schon seinem Namen nach ist der mittelalterliche Magister der Theologie ja zunächst und vor allem magister in sacra pagina (oder sacra scriptura), und Theologie ist ihrem Ursprung nach Interpretation von Offenbarung, d.h. Schriftauslegung. Sie heißt daher wechselweise sacra doctrina, sacra pagina oder sacra scriptura. Wie keine andere Textgattung ziehen sich daher die Bibelkommentare als „roter Faden“ durch das thomanische Gesamtwerk – von der frühen Studienzeit in Köln (1248-1252) bis zu den letzten Lebensjahren in Neapel (1272-1274). Entsprechend vielfältig sind die Motive, mit denen sie in seinem Denken fruchtbar werden.

„Pariser Bibel“

Um 1250 (Köln, Museum Schnütgen, © Hanns-Gregor Nissing)

Die Bibel des Thomas von Aquin

Grundlage seiner Schriftauslegung ist für Thomas, die sog. Vulgata, die lateinische Bibelübersetzung, die Hieronymus im 5. Jahrhundert angefertigt bzw. redigiert hatte (und die übrigens bis heute der verbindliche Bibeltext der römisch-katholischen Kirche ist). Hieronymus hatte seinen Übersetzungen bzw. Überarbeitungen der verschiedenen biblischen Bücher Prologe vorangestellt, die für die spätere Auslegung eine rezeptionsleitende Bedeutung hatten. – Nicht weniger wichtig ist eine buchtechnische Neuerung, die in der Zeit des Thomas aufkommt. War der Bibeltext bisher nur (je nach liturgischem oder pastoralem Zweck) in Teilausgaben zusammengefaßt worden, so ist in der sog. „Pariser Bibel“ der gesamte Text des Alten und Neuen Testaments zum ersten Mal in einer handlichen Ausgabe zwischen zwei Buchdeckeln versammelt. Damit aber wird die Bibel ganz plastisch als „ein Buch“ wahrnehmbar, das die Erkenntnis Gottes vermittelt.

Die Theorie vom Lehren und Lernen nach Aristoteles

Mit der Neuentdeckung der Schriften des Aristoteles im Hochmittelalter erhält die abendländische Rationalität ihre bis heute gültige Gestalt als Wissenschaft – in ihren Methoden, Prinzipien, Institutionen und literarischen Formen. Zusammen mit seinen Werken, mit der er jeder Disziplin (Ethik, Politik, Naturwissenschaft, Psychologie, Metaphysik) ihre inhaltliche Grundlage gab, vermittelte „der Philosoph“ (wie sein mittelalterlicher Ehrenname lautete) eine eigene wissenschaftliche Methodik. Die Bibel mit Aristoteles lesen, hieß für Thomas und seine Zeitgenossen, sie als Lehrbuch zu lesen, in dem Gott sein Wissen dem Menschen auf geordnete Weise zugänglich macht. Mit der Vielfalt ihrer Beweis- und Überzeugungsmittel  enthielt die aristotelische Theorie vom Lehren und Lernen dabei ein breit gefächertes Instrumentarium für die Auslegung, um der Mannigfaltigkeit literarischer Gattungen gerecht zu werden, die sich in der Bibel finden.  

Die Lehre vom geistlichen Schriftsinn

Die Auslegung der Heiligen Schrift als Lehrbuch nach aristotelischem Muster ist für Thomas begleitet vom Bewußtsein für den Reichtum, die Unausschöpfbarkeit und bleibende Geheimnishaftigkeit des Gotteswortes. Sie findet ihren Ausdruck nicht zuletzt in der Lehre vom geistlichen Schriftsinn (sensus spiritualis), der über den wörtlichen Sinn (sensus historicus) hinaus im Bibeltext enthalten ist. Eine solche geistliche Lesart ist durch das Neue Testament selbst inspiriert (vgl. etwa Gal 5). In der Unterscheidung von vier verschiedenen Schriftsinnen bleibt bei Thomas das Erbe der Schriftauslegung der Kirchenväter präsent, die zu einer inneren, persönlichen und geistlichen Begegnung  mit dem Bibeltext und ihrem Urheber führen will. Die Interpretation der Bibel als Lehre und Wissenschaft wird somit ergänzt durch den mystischen Sinn für die stets größere göttliche Weisheit.

Die Auslegungsmethode des Thomas

Die Methode der Schriftauslegung des Thomas folgt den durch die aristotelische Lehr- und Wissenschaftstheorie beschriebenen Vorgaben. Sie hat ein festes Schema, das sich an bestimmten Signalwörtern erkennen läßt, und umfaßt mehrere Schritte: die gedankliche Rekonstruktion des Textes in Form der Textgliederung (divisio textus), die Problematisierung durch Fragen an den Text und die Diskussion kontroverser Auslegungen sowie eigene Akzentsetzungen der Interpretation im Hinblick auf Theologie oder geistliches Leben. Die einzelnen Schritte sind in den verschiedenen Kommentare unterschiedlich ausgestaltet. Eine hervorgehobene Bedeutung für den Zugang zu einem biblischen Buch bzw. seinem Kommentar kommt dem vorangestellten Prolog zu.

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Bibelauslegung und Theologie als Wissenschaft

In der ersten Quaestio seiner Summa theologiae entwickelt Thomas in „klassischer“ Weise sein Konzept der Theologie als Wissenschaft. Bemerkenswerterweise ist ein großer Teil der Ausführungen der Schriftauslegung gewidmet, und Thomas spricht im Hinblick auf die Theologie gleichermaßen von „heiliger Lehre“ (sacra doctrina) wie „heiliger Schrift“ (sacra scriptura). Seine Ausführungen skizzieren paradigmatisch den Weg „von der Schrift zur Summe“, der sich in seinem Denken und in der Theologie des 13. Jahrhunderts vollzieht.So bleibt auch die große „Begriffskathedrale“ der Summe durchweht von der Luft ihrer biblischen Ursprünge, und in der Bibel finden sich jene entscheidenden Grundlagen, mit der sich die die doppelte Aufgabe des Theologen verwirklichen läßt: die Wahrheit zu lehren und den Irrtümern zu widersprechen.

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