Die Lehre vom geistlichen Schriftsinn
Die Auslegung der Heiligen Schrift als Lehrbuch nach aristotelischem Muster ist für Thomas begleitet vom Bewußtsein für den Reichtum, die Unausschöpfbarkeit und bleibende Geheimnishaftigkeit des Gotteswortes. Sie findet ihren Ausdruck nicht zuletzt in der Lehre vom geistlichen Schriftsinn (sensus spiritualis), der über den wörtlichen Sinn (sensus historicus) hinaus im Bibeltext enthalten ist. Eine solche geistliche Lesart ist durch das Neue Testament selbst inspiriert (vgl. etwa Gal 5). In der Unterscheidung von vier verschiedenen Schriftsinnen bleibt bei Thomas das Erbe der Schriftauslegung der Kirchenväter präsent, die zu einer inneren, persönlichen und geistlichen Begegnung mit dem Bibeltext und ihrem Urheber führen will. Die Interpretation der Bibel als Lehre und Wissenschaft wird somit ergänzt durch den mystischen Sinn für die stets größere göttliche Weisheit.
Wörtlicher und geistlicher Sinn der Heiligen Schrift
Als locus classicus für ein geistliches Verständnis der Heiligen Schrift gilt von jeher der Abschnitt im Galaterbrief 4,22-26, wo Paulus die Mütter der beiden Söhne Abrahams – Hagar und Sara – als Sinnbilder der beiden Testamente deutet:
Es steht nämlich geschrieben, daß Abraham zwei Söhne hatte;
[a] einen von einer Magd [= Hagar],
[b] und einen von einer Freien [= Sara].
[a] Aber der von der Magd [= Ismael] ist nach dem Fleisch geboren,
[b] der von der Freien [= Isaak] aber kraft der Verheißung.
Das ist sinnbildlich [allegorisch] gesagt (Quæ sunt per allegoriam dicta); denn dies sind die beiden Testamente:
[a] das eine eben vom Berg Sinai, das zur Knechtschaft gebiert, das ist Hagar; denn der Sinai ist ein Berg in Arabien, der verbunden ist mit dem, was jetzt Jerusalem ist, und mit seinen Kindern dienstbar ist.
[b] Jenes Jerusalem aber, das von oben stammt, ist frei; das ist unsere Mutter.
Allegorie besagt hier, so Thomas, „eine Redewendung oder eine Redeweise, bei der etwas gesagt und etwas anderes verstanden wird. Daher leitet sich ‚Allegorie‘ von ‚alos‘, das heißt ‚fremd‘, und ‚goge‘, das heißt ‚Führung‘ ab, insofern sie sozusagen zu einem fremden [anderen] Verständnis führt“ (Super Ad. Gal. IV 7 (n. 253).
In solcher Weise kann die Heilige Schrift über
(1) ihren wörtlichen Sinn (sensus litteralis vel historicus) auch
(2) einen geistlichen oder mystischen Sinn (sensus spiritualis vel mysticus) enthalten.
Metaphorische Redeweise und geistlicher Sinn
Ausdrücklich hebt Thomas den Unterschied zwischen dem geistlichen Sinn und der Metapher hervor, die er primär dem wörtlichen Sinn der Heiligen Schrift zuordnet: Wenn der Text der Bibel Metaphern gebraucht, so ist damit noch nicht automatisch ein geistlicher Sinn verbunden. Denn bei der Verwendung einer bildlichen Redeweise geht es noch nicht um die Eröffnung einer zusätzlichen Bedeutungsdimension des Bibelwortes.
Vielmehr trägt der Gebrauch von Metaphern in der Heiligen Schrift schlicht der anthropologischen Tatsache Rechnung, daß der Mensch durch die sinnenfälligen Dinge zu den geistigen geführt wird, da alle unsere Erkenntnis von den Sinnen ausgeht und auf sie verwiesen bleibt: „So ist es angemessen, daß uns in der Heiligen Schrift das Geistige unter körperlichen Bildern (sub metaphoris corporalium) mitgeteilt wird.“ Der Gebrauch von Metaphern bedeutet daher auch keine Schwächung des Lichtstrahls der göttlichen Offenbarung, „der dadurch wie umschleiert (circumvelatur) erscheint und doch in seiner Wahrheit verbleibt“ (vgl. S.th. I 1,9 ad 2).
Berufungsinstanz ist für Thomas in diesem Zusammenhang wiederholt Ps.-Dionysius Areopagita, jener rätselhafte neuplatonische Autor des 5. Jahrhunderts, der unter dem Pseudonym des von Paulus auf dem Areopag in Athen bekehrten Apostelschülers schrieb (vgl. Apg 17,34) und mit seiner Lehre Von den göttlichen Namen (De divinis nominibus) wie seiner Mystischen Theologie eine entscheidende Rolle bei der Ausformung der Theologie im Ausgang von der Heiligen Schrift im Abendland spielte.
Der geistliche Sinn des Bibeltextes ergibt sich dagegen aus der Grundeinsicht, daß Gott als Urheber der Heiligen Schrift in seiner Kundgabe nicht nur Worte (signa) verwenden kann, wie es gemeinhin unter Menschen und in den philosophischen Wissenschaften geschieht, sondern auch Dinge (res), die dadurch eine zusätzliche Bedeutungsdimension erhalten.
Entscheidender Bezugspunkt ist für Thomas die besondere Qualität der göttlichen Erkenntnis und der göttlichen Vorsehung, die einzig in der Lage ist, den Dingen und ihrem Lauf einen solchen Sinn einzustiften:
In solchem Sinne kann etwa, wie der Apostel Paulus in 1 Kor 10,4 ausführt, der „Fels“, aus dem Mose auf Forderung der Israeliten den lebensspendenden Trank schlug (vgl. Ex 17,6; Num 20,7-11), nicht nur den bestimmten Stein in der Wüste Sin bezeichnen, sondern zugleich auch Sinnbild (figura) sein, das auf Christus als den Spender des neuen und ewigen Lebens hindeutet.
So wie nämlich der Mensch Worte oder erfundene Bilder benutzen kann, um Dinge zu bezeichnen, so benutzt Gott den Lauf der Dinge, die der göttlichen Vorsehung unterliegen, um andere Dinge zu bezeichnen (Summa theologiae I 1,10 ad 2)
Die drei geistlichen Sinne
Auf der Basis der Grundunterscheidung von wörtlichem und geistlichem Sinn des Schriftwortes ergibt sich für Thomas die weitere Differenzierung von drei verschiedenen geistlichen Schriftsinnen:
- dem allegorischen oder typologischen (sensus allegoricus vel typicus), soweit das Alte Testament das Neue versinnbildlicht;
- dem moralischen oder tropologischen (sensus moralis vel tropologicus), soweit das Beschriebene Zeichen dessen ist, was wir tun sollen;
- und dem anagogischen (sensus anagogicus), sofern mit dem Dargestellten dasjenige bezeichnet, was in der ewigen Herrlichkeit sein wird.
Geistliches Schriftverständnis in der Alten Kirche
In seiner Lehre von den vier geistlichen Schriftsinnen greift Thomas zwei Traditionen altkirchlicher Auslegungsweisen auf, um sie miteinander zu verbinden: die Allegorese und die Typologie.
(1) Während es sich bei der Allegorese um eine Auslegungsweise handelte, welche die Ontologie bzw. Anthropologie zum Bezugsrahmen hatte und gemäß der (nach platonischem Verständnis) dreigestuften Existenzweise des Menschen in eine hylische, psychische und pneumatische Dimension verschiedene Sinne in der Heiligen Schrift annahm,
(2) suchte die Typologie unter einem heilsgeschichtlichen Vorzeichen nach dem Verhältnis von Verheißung und Erfüllung, Typos und Antitypos, nach Entsprechungen insbesondere zwischen den beiden Testamenten. – Erstere hatte ihren Ursprung in Alexandrien, letztere in Antiochien.
Das Konzept ist im Mittelalter in verschiedenen Varianten tradiert worden, und die Schriftsinne wurden unterschiedlich benannt. Bekannt ist ein Merkvers, der die Lehre in Form eines Distichons zusammenfaßt:
Origenes
Origenes, In numeros homilia XXVII (ca. 1160, Manuskript von Schäftlarn, München, Bayerische Staatsbibliothek, clm 17092, fol. 130v, © wikimedia)
„Littera gesta docet,
quid credas allegoria,
moralis quid agas,
quo tendas anagogia.“
(„Der Buchstabe lehrt, was geschehen ist,
die Allegorie, was du glauben sollst,
der moralische [Sinn], was du tun sollst,
die Anagogie, wohin du streben sollst.“)
Geistliche Schriftsinne und Heilsgeschichte
Thomas selbst hat das Modell der geistlichen Schriftsinne in verschiedenen Varianten vorgestellt. Als zentral für seine Unterscheidung erweist sich dabei ein heilsgeschichtliches Verständnis, das von der Unterscheidung dreier Zeiten oder status ausgeht:
(1) der Zeit des Alten Bundes (status veteris legis),
(2) der Zeit des Neuen Bundes (status novae legis) und
(3) dem vollendeten „Stand der Seligen“ (status beatorum) oder dem „Stand der künftigen Herrlichkeit“ (status futurae gloria).
Demnach kommt (1) der Alte Bund in Christus an sein Ziel, (2) doch steht der durch ihn gestiftete Neue Bund noch einmal seinerseits unter einem eschatologischen Vorbehalt bis zu seiner endgültigen Wiederkehr und ist daher zu unterschieden von (3) der zu erwartenden endgültigen, endzeitlichen Vollendung.
Dabei stehen die verschiedenen status in einem Verhältnis der Versinnbildlichung, in der sie aufeinander verweisen. Ihren Angelpunkt besitzen sie in Christus, der zugleich Mittelpunkt und Ziel der Geschichte ist.
Insbesondere in seinem Traktat vom „Alten Gesetz“ (lex vetus) in der Summa theologiae hat das Modell der geistlichen Schriftsinnes extensiv zur Anwendung gebracht und den literarischen Sinn des Schriftwortes der Tora durch einen geistlichen erweitert, so daß man gesagt hat, Thomas „schwelge“ geradezu in der Methode des vierfachen Schriftsinnes (O.H. Pesch).
Theologie als Wissenschaft und Weisheit
Stets betont Thomas die absolute Priorität des wörtlichen Sinnes des Schrifttextes, denn nur er hat eine Relevanz für die theologische Argumentation und ihre Beweiskraft und ist damit von Bedeutung für den Ausweis der Theologie als Wissenschaft.
Doch ist die geistliche Lesart in der Lage, den wörtlichen Sinn des Bibelwortes in eine spirituelle Dimension hinein zu erweitern und gerade so die Geheimnishaftigkeit und den Reichtum des Wortes Gottes wahrnehmbar zu machen. Ist die Orientierung am sensus litteralis grundlegend für eine Interpretation der Schrift im Sinne systematischer Theologie, so bringt der Einbezug des sensus spiritualis eine Ergänzung der theologischen Wissenschaft durch mystische Weisheit mit sich:
„Die Heilige Schrift überragt alle anderen Wissenschaften und Lehren sogar durch ihre Ausdrucksweise, denn in ein und derselben Rede erzählt sie nicht nur Ereignisse, sondern verkündet Geheimnisse.“ (Gregor der Große)
Ohne die Lehre vom geistlichen Schriftsinn läßt sich die vielfältige Darstellung der Bibel in Kunst, Architektur und Musik nicht verstehen.
Texte zum Download
Thomas, Quaestio de quolibet VII 6 (Text, lat.-dt.)
Thomas, Kommentar zum 1. Buch der Sentenzen q. 1, a. 5 (Text, lat.-dt.)
Thomas, Lesung über den Galaterbrief IV 7 (n. 253-254) (Text, lat.-dt.)
Thomas, Summa theologiae I 1,10 (Text, lat.-dt.)
