Thomas-Autograph aus dem Kommentar zum Propheten Jesaja

(Cod. Vat. Lat. 9859)

Die Bibelkommentare des Thomas von Aquin

Für Thomas von Aquin ist die Lesung und Auslegung der Heiligen Schrift der erste und ursprüngliche Aufgabe des Theologen. Schon seinem Namen nach ist der mittelalterliche Magister der Theologie ja zunächst und vor allem magister in sacra pagina (oder sacra scriptura), und Theologie ist ihrem Ursprung nach Interpretation von Offenbarung, d.h. Schriftauslegung. Sie heißt daher wechselweise sacra doctrina, sacra pagina oder sacra scriptura. Wie keine andere Textgattung ziehen sich daher die Bibelkommentare als „roter Faden“ durch das thomanische Gesamtwerk – von der frühen Studienzeit in Köln (1248-1252) bis zu den letzten Lebensjahren in Neapel (1272-1274). Entsprechend vielfältig sind die Motive, mit denen sie in seinem Denken fruchtbar werden.

Die Auswahl der von Thomas kommentierten Schriften des Alten und Neuen Testaments folgt offenbar keinem umfassenden Konzept, wie es etwa parallel Albertus Magnus für seine Aristoteles-Kommentare mit dem Anliegen formuliert hatte, „den Lateinern die gesamte Philosophie des Aristoteles bekannt zu machen“ (Physica I 1,1). Vielmehr scheinen äußere Faktoren bei der Auswahl eine Rolle gespielt haben, wie die Anforderungen bestehender Lehrcurricula, Aufträge anderer Persönlichkeiten oder auch das eigene übergeordnete Interesse an der Arbeit an den großen systematischen Werken, v.a. der Summa theologiae, für welche die Schriftkommentare eine Vorarbeit bildeten.
Überdies haben die Schriftkommentare des Thomas häufig die Gestalt des Fragmenthaften, des Begonnenen und nicht Vollendeten, wie es für sein Werk im Ganzen kennzeichnend ist.

Verschiedene Kommentargattungen und -namen

Dem entspricht es, daß die Bibelkommentare des Thomas in den ältesten Schriftenkatalogen mit verschiedenen Namen versehen: Diese unterscheiden sie zum einen nach ihrem Umfang als:

(1) expositio, die eine ausführlichere Erklärung bietet,

(2) sententia, die nur knapperer Weise den Text strukturiert und wiedergibt, und

(3) postilla, die ein Kurzkommentar ist.

Zum anderen begegnen Bezeichnungen, die entweder den mündlichen Vortrag oder dessen schriftlichen Niederschlag benennen, in ihrer genauen Gestalt dagegen nicht festgelegt sind, wie

(4) lectura und 

(5) scriptum.

(6) Aus einer älteren Tradition stammt ferner der Name glossa.

Schließlich haben jene Werke einen eigenen Namen, deren Überlieferung sich den Mitschriften von Schülern oder Sekretären verdankt und die von Thomas nicht oder nur zum Teil redigiert wurden. Sie erscheinen in den Listen als

(7) als reportationes. (vgl. O. Weijers, Le maniement du savoir. Pratiques intellectuelles à l’époque des premières universités [XIIIe-XIVe siècles], Turnhout 1996).

Editionen und Übersetzungen

Lediglich die expositiones zu Jesaja und zu Ijob liegen bisher in einer kritischen Edition in der Gesamtausgabe, der Editio Leonina, vor. Für alle anderen empfiehlt sich der Rückgriff auf die betreffenden Bände der Ausgabe des Verlages Marietti, in der die Texte abschnittweise mit einem Numerierungsverzeichnis versehen, das zum gängigen Zitationssystem geworden ist. 

Deutsche Übersetzungen existieren nur von den Kommentaren zum Römerbrief und zum Johannes-Evangelium.

Übersicht über die Schriftkommentare und die besten zitierfähigen Ausgaben und deutschen Übersetzungen

Die folgende Übersicht stellt die einzelnen Kommentare in jener chronologischen Reihenfolge vor, in der sie wahrscheinlich entstanden sind.

Die wörtliche Auslegung zum Propheten Jesaja (Expositio super Isaiam ad litteram) – Köln, 1252

Der Jesaja-Kommentar gilt als „das erste theologische Werk des heiligen Thomas“ (Leonina 28, S. 20*), das noch aus seiner Zeit als baccalaureus biblicus stammt und möglicherweise in Köln, spätestens in Paris entstanden ist. Er ist zu einem großen Teil im Autographen erhalten (Kap. 34-49 in Cod. Vat. lat. 9850, fol. 105-114).

Stilistisch handelt es sich daher um einen kursorischen Kommentar. Eine solche „kursorische Vorlesung war die Aufgabe des biblischen Bakkalaureus während seiner zweijährigen Vorbereitungszeit auf das Magisterium. Sie ist per definitionem überblickshaft, ‚sie geht nicht auf Details der verschiedenen möglichen Interpretationen ein […]. Das Ziel des Lektors (das heißt des Unterrichtenden) ist es, den Text in seinem wörtlichen Sinn verständlich zu machen‘“ (J.-P. Torrell mit Bezug auf P. Glorieux). Der kursorische Kommentar „überfliegt“ den biblischen Text gewissermaßen schnell, er notiert seine Gliederungsprinzipien und hält nur inne, wenn es darum geht, unklare oder besonders wichtige Begriffe zu erläutern.

So ist der Kommentar neben einer detaillierten divisio textus durch eine nur kurze Textparaphrase gekennzeichnet, die lediglich in den Erläuterungen zu den ersten 11 Kapiteln durch wenige quaestiones ergänzt sind. Im Ganzen wird die Auslegung der insgesamt 66 Kapitel des Jesaja-Buches zum Ende hin kürzer und geraffter – was typisch für die thomanische Arbeitsweise ist.

Eine Besonderheit des Jesaja-Kommentars bilden die kurzen Randbemerkungen, die Thomas in einer Art Telegrammstil neben dem Text notierte. Sie erscheinen in der Form von Schemata, die verbunden und gruppiert sind durch fächerartig angeordnete Striche. Ausgangspunkt ist dabei jeweils ein Wort aus dem Jesaja-Text, das mittels dieser Schemata in verschiedenen Hinsichten erläutert und durch ein passendes Bibelzitat ergänzt wird. Von einem bestimmten Schlüsselwort ausgehend, notiert Thomas hier assoziierend Gedanken, die den Text auf ein spirituelles und pastorales Verständnis hin weiterführen. In der ersten Reinschrift des Autographen wurden diese Randbemerkungen unter dem Namen collationes in den Text eingefügt und jeweils mit der festen Wendung „nota“ oder „notandum“ eingeleitet. Insgesamt enthält der Kommentar 127 solcher collationes, das ist etwa ein Elftel des Textes, davon der autographe Teil 24 (vgl. das Beispiel oben am Seitenbeginn).

Diese Randbemerkungen dürfen wohl als der interessanteste Teil des Kommentars gelten, denn sie bieten in einzigartiger Weise ein Zeugnis der Spiritualität des Thomas von Aquin. So werden die Annäherung an Gott, das Gebet, das Erheben des Blickes zu Gott, die Mitarbeit am Werk des Heiligen Geistes, die schädlichen Auswirkungen der Sünde, die Rückkehr in sich selbst, die Tränen der Reue, die Forderung nach Armut, die Mäßigung des Temperaments, der Frieden im Tod usw. behandelt.

 

Den quantitativen Schwerpunkt unter den Themen bildet indessen die Person Christi, die in immer neuen Bildern und Vergleichen, die dem Jesaja-Buch entnommen sind, angenähert wird, so daß sie eine „poetische Christologie“ abzeichnet, die nicht selten von einem mystischen Unterton getragen ist. Dem entspricht das Thema des Buches, den Thomas im Prolog entfaltet: „Vorrangig ist Gegenstand dieses Buches das Erscheinen des Sohnes Gottes. Daher wird es in der Kirche in der Zeit des Advents gelesen“ (prol. n. 5). Dies entspricht seinem umfassenden Nutzen: „auf daß, wer es liest ohne das Hindernis des Zweifels auf Christus im Glauben zueilt, im Glauben ihn liebt, und in der Liebe beständig ist“ (prol., n. 4). Von besonderer Bedeutung ist ferner die Auslegung der sog. „messianischen Trilogie“ (Jes 7,14ff; Jes 9,5ff; Jes 11,1-9) und insbesondere die Lehre von den sieben Gaben des Heiligen Geistes geworden, die als konstitutiver Teil in die Tugendlehre eingeht. 

In der Lebensbeschreibung Wilhelms von Tocco ist der Jesaja-Kommentar schließlich dadurch besonders hervorgehoben, daß Thomas „bei der Erklärung einer schwierigen Textstelle nach häufigem Gebet und Tränen eine Vision der seligen Apostel Petrus und Paulus gehabt haben soll, die ihn unterrichteten.“ (Historia S. Thomae Aquinatis c. 18 und c. 31). 

Texte zum Download

Thomas von Aquin, Auslegung zu Jesaja im wörtlichen Sinn, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Auslegung zu Jesaja im wörtlichen Sinn, Gliederung des Buchs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

Die Auslegung zum Propheten Jeremia (Super Ieremiam) – Köln, 1252

Auch die Auslegungen zum Propheten Jeremia und zu dessen Klageliedern haben der Gestalt eines kursorischen Kommentars, weswegen man in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Jesaja-Kommentar angesiedelt und in die Kölner oder Pariser Ausbildungszeit datiert hat.  Beide Kommentare sind nicht im Autographen erhalten. Das Kolophon der Vulgata-Editionen bezeichnet die Jeremia-Auslegung als expositio litteralis. Sie ist unvollendet und bricht am Ende des 42. der insgesamt 51 Kapitel ab.

Über die divisio textus hinaus sind theologischen Entfaltungen selten und sehr kurz gehalten. Bis zum 23. Kapitel finden sich wiederum collationes, deren Themen … sind. Übergreifendes Thema des Jeremia-Buches ist „dem historische Sinne die Gefangenschaft des Volkes, das sein  Gebet des Mitgefühls hervorrief“ (prol., in fine) Im allegorischen Sinne deutet es auf das Geheimnis der Passion Christi hin, weswegen es vor allem in der Fastenzeit gelesen wird.

Dominierendes Thema des Prologs ist das Prophetenamt des Jeremia. Vom Begriff des Propheten und seiner Person wird dort alles weitere entwickelt: seine Redeweise, der Nutzen und der Gegenstand des Buchs. Dieses Interesse verbindet den Jeremia-Kommentar ebenso mit der Auslegung zu Jesaja wie die Würdigung der besonderen poetischen Redeweise, die sich in reichem Maße der Vergleiche und Bilder bedient.

Die Auslegung zu den Klageliedern (Super Threnos) – Köln, 1252

Rein auf die Rekonstruktion des Literalsinns mit Hilfe der divisio textus reduziert ist die Auslegung zu den Klageliedern des Jeremia. Theologische Erweiterungen fehlen völlig. Thomas beschränkt sich auf einige wenige summarische Diskussionen zu Abweichungen, die sich in der Bibel oder den Glossen finden, collationes fehlen dagegen völlig!

In Anknüpfung an das Jeremia-Buch sind das Thema der Schrift „dem historischen Sinn nach die Klagen über die Gefangenschaft der Juden“. Einzig der Prolog enthält ausführlichere Reflexionen über die göttliche Weisheit als erstes Prinzip der prophetischen Offenbarung, die wiederum zur Würdigung der besonderen poetischen Redeweise als Medium der Verhüllung göttlicher Geheimnisse führt.

Texte zum Download

Thomas von Aquin, Über Jeremia, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Über Jeremia, Gliederung des Buchs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Über die Klagelieder, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Über die Klagelieder, Gliederung des Buchs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

Die wörtliche Auslegung zu Buche Ijob (Expositio super Iob ad litteram) – Orvieto, 1261-65

Nach Auskunft der frühsten Biographen ist dieser Kommentar des Thomas während seines Aufenthalt als Lektor am Dominikanerkonvent in Orvieto entstanden. Mit den Jahren in der umbrischen Stadt beginnt die „literarisch fruchtbarste Zeit seines Lebens“ (U. Horst), in der nicht zuletzt auch das Fronleichnamsoffizium mit seinen Hymnen entstand. Schon Wilhelm von Tocco hebt die Ijob-Auslegung in besonderer Weise hervor, und auch heutigen Interpreten gilt er nicht zuletzt in seiner „besonderen Geschlossenheit“ (M.-D. Chenu) als „einer der schönsten Schriftkommentare des Thomas“ (J.-P- Torrell).

Ihr Titel charakterisiert die Expositio super Iob ad litteram ausdrücklich als einen wörtlichen Kommentar. Entsprechend deutlich hebt Thomas im Prolog seine Auslegungsweise von der vorausgehenden geistlichen oder moralischen ab, die in Gregor dem Großen ihren bedeutendsten Vertreter gefunden hatte.

Als einziger der thomanischen Schriftkommentare enthält die Ijob-Auslegung keine divisio textus. Dies mag daran liegen, daß Thomas in ihr eine topische oder dialektische Argumentationsweise erkennt: Hier werde „mit wahrscheinlichen Gründen“ (per rationes probabiles) gestritten. Im Blick des Thomas erscheinen die Streitreden Ijobs mit seinen Freunden wie eine große akademische Disputation im Stil seiner Zeit, in der die Beteiligten „more disputationis“ sprechen und Gott selbst schließlich als „quaestionis determinator“ die Szene betritt.

Im Unterschied zu vorherigen alttestamentlichen Kommentaren ist die Ijob-Auslegung von einem reichen Rückgriff auf das theologische und philosophische Schrifttum gekennzeichnet. Neben … kommen Aristoteles, Plato, Cicero, Plinius, Porphyrius, Avicenna und Averroes zu Wort. Überhaupt ist der Text unter den thomanischen Schriftkommentaren durch ihren besonderen „philosophischen“ Charakter hervorgehoben.

Dies ist nicht zuletzt bedingt durch die mit der wörtlichen Auslegung verbundene Verschiebung der Thematik von einer moralischen auf eine stärker metaphysische Dimension: Anders als in der Tradition Gregors geht es für Thomas in erster Linie nicht um die Aufforderung zur Geduld in Prüfungen, sondern um die Frage, wie das Leiden des Gerechten mit der göttlichen Lenkung der Dinge übereinstimmt, da eine grundlose Prüfung der Idee der Vorsehung (ein für Thomas zentrales Thema!) entgegensteht. Damit sind zugleich Streitthemen mit dem lateinischen Averroismus berührt.

Umfassende Thematik des Ijob-Buches ist, so Thomas, „die Lenkung der menschlichen Dinge durch die göttliche Vorsehung“. Seine Auslegung zeigt daher eine Nähe zum 3. Teil der Summa contra Gentiles gesehen, an der er arbeitete. Als „eine tiefsinnige Meditation über die conditio humana“ (J.-P. Torrell) setzt er zugleich einen ersten Akzent im Hinblick auf die anthropologische Schwerpunktsetzung, die für das Spätwerk kennzeichnend ist.

Die „Goldene Kette” („Catena aurea” vel Expositio sive Glossa continua super Evangelia) – Orvieto und Rom, 1262/3-1265/8

Ebenfalls aus den Jahren in Orvieto stammt die sog. Catena aurea („Goldene Kette“), die in den ältesten Listen an der Spitze der thomanischen Schriftkommentare erscheint. Unter den Werken des Thomas gehört sie zu den am meisten verbreiteten. Wie eine Reihe anderer Schriften jener Zeit ist sie auf Bitten von Papst Urban IV. entstanden und wurde wohl Ende 1262 oder Anfang 1263 bei Thomas in Auftrag gegeben. Bis zum Tod Urbans IV. am 2.10.1264 konnte Thomas lediglich den Teil zum Matthäus-Evangelium fertigstellen. Er setzte seine Arbeit daran später in Rom fort (bis 1268) und widmete den Kommentar zu den anderen drei Evangelien seinem Freund und Schüler, dem Kardinal Hannibaldus de Hannibal (+1272). Dies erklärt die zwei Widmungsschreiben, die das Werk enthält.

Ursprünglich wurde das Werk als Expositio continua oder Glossa continua super Evangelia bezeichnet, da es sich um einen fortlaufenden Kommentar zu den vier Evangelien handelt, der ausschließlich in Form von Zitaten der griechischen und lateinischen Kirchenväter gestaltet ist.

Der Name „Catena aurea“ wurde in den Handschriften erst seit dem 14. Jahrhundert gebräuchlich und will seinen Charakter als „Kette“ aus ge­schickt zu einem fortlaufenden Kommentar verbundenen patristischen Texten zum Ausdruck bringen. Bereits in den frühsten Katalogen und Biographien wird die Catena ausdrücklich als ein „opus insigne miro contextuum ordine ex dictis et auctoritatibus sanctorum“ (Bernhard Gui) gerühmt.

Wie sein Lehrer Albert gehörte Thomas „zu der seltenen Kategorie von Autoren, die sich nicht mit Florilegien zufrieden gaben, sondern direkt auf die Quellen zurückgriffen“ (J.-P. Torrell). In Orvieto hatte er überdies die Gelegenheit, intensiv in den päpstlichen Archiven zu studieren, was ihm eine ausgiebige Erweiterung seiner Quellenkenntnisse ermöglichte. Eine Besonderheit des Werks bildet die Verwendung von Schriften gerade der griechischen Kirchenväter, die ab dem Kommentar zum Markus-Evangelium verstärkt zu beobachten ist. In seinem Widmungsschreiben an Hannibal von Hannibaldis vermerkt Thomas ausdrücklich, daß er Texte, die ihm in lateinischer Sprache nicht zur Verfügung standen, eigens übersetzen ließ.

Die Menge und Qualität des zusammengetragenen Materials, insbesondere die für seine Zeit überdurchschnittliche Kenntnis der griechischen Kirchenväter haben dazu geführt, daß man die Catena aurea als einen „turning point“ (Eschmann) in der Entwicklung des thomanischen Denkens charakterisiert hat, der für seine weiteren Werke, insbesondere die Schriftkommentare, prägend werden wird. Durch ihren Reichtum und ihre Verbreitung wurde die Catena aurea auch darüber hinaus zu einer Fundgrube für Exegeten, Theologen und Prediger.

In seiner Arbeitsweise schließt sich Thomas an die Glossentradition früherer Jahrhunderte an und erweitert  sie zugleich dadurch, daß er kontinuierlich Vers für Vers mit mehreren Kirchenväter-Zitaten belegt, so daß eine fortlaufende Lektüre möglich wird. Im Widmungsschreiben an Papst Urban IV. gibt Thomas selbst Rechenschaft von seiner Methode. Hierzu gehört nicht zuletzt die präzise Verfasser- bzw. Quellenangabe. Seine Absicht ging dahin, „nicht nur den buchstäblichen Sinn anzugeben, sondern auch den mystischen Sinn hervorzuheben, bisweilen auch die Irrlehren zu bekämpfen und die katholische Wahrheit darzulegen.“

Aus dem in der Catena aurea zusammengetragenen Quellenmaterial schöpfen vor allem die beiden Evangelien-Kommentare der zweiten Pariser Lehrtätigkeit.

Die Auslegung zum Matthäus-Evangelium (Lectura super Matthaeum) – Paris, 1269-70

Bereits in den ältesten Werkkatalogen wird die Lectura super Matthaeum als „defectiva“ und „incompleta“ beschrieben (vgl. Bartholomäus von Capua). Der Text ist lediglich als reportatio durch zwei Schüler überliefert. Zudem fehlt der Originalkommentar des Thomas zu einem großen Teil der Bergpredigt. Sie wurden mit einem Teil des Kommentars von Peter von Scala ergänzt. Präzise gesagt, handelt es sich um die Abschnitte zu Mt 5,2-6,8 und Mt 6,14-19. Sie liegen allerdings inzwischen in neuen Teileditionen vor.

Eine Reihe historisch-kritischer Beobachtungen belegen die Einordnung des Matthäus-Kommentars in die Zeit des zweiten Lehraufenthalts in Paris überzeugend:

(1) Neben dem bereits erwähnten offensichtlichen Vorliegen der Catena aurea, die in Orvieto entstanden ist,
(2) sind es vor allem inhaltliche Berührungen mit der zweiten Phase des Bettelordensstreits, etwa wörtliche Anklänge an Formulierungen der in diesem Zusammenhang verfaßten Schrift De perfectione vitae spiritualis, mit denen Thomas auf Argumente der Gegner reagiert.
(3) Daneben enthält der Matthäus-Kommentar zwei explizite und zwei implizite Zitate aus der aristotelischen Politik, die dafür sprechen, daß er nicht vor 1263 verfaßt sein konnte.
(4) Auf Paris als Entstehungsort weisen schließlich verschiedene Bemerkungen über Frankreich. Eine Anekdote in den ältesten Biographien berichtet davon, daß Thomas auf dem Weg von Saint-Denis nach Paris, von seinen Schülern auf die Schön­heit von Paris angesprochen, gesagt haben soll: „Wahrhaftig, mir wäre es viel lieber, wenn ich den Matthäuskommentar von Chrysostomus besäße.

Es mag an der schlechten Überlieferung liegen, daß der Kommentar ohne eigenen Prolog beginnt. Stattdessen setzt er unmittelbar mit der Kommentierung der Vulgata-Vorrede des Hieronymus ein, anhand deren Thomas (a) den Autor, (b) den Gegenstand bzw. „die Geheimnisse des Evangeliums“ (mysteria Evangelii)  und (c) das Ziel oder die „Absicht“ (intentio) fixiert.

Gegenstand des Evangeliums ist Christus seiner Menschennatur nach, und zwar in besonderer Weise in seiner Würde als König. Dementsprechend findet der Stammbaum Jesu, mit dem das Evangelium ansetzt (vgl. Mt 1,1-17) und den  Übergang vom Alten zum  Neuen Testament markiert, eine sehr ausführliche Auslegung, welche die Basis für alles Folgende bildet. Das Leben Jesu wird nach dem Schema des Eintritts Christi in die Welt, seines Voranschreitens in dieser und seines Fortgangs aus ihr strukturiert (vgl. Super Matth. I 1,  n.11). Besondere Aufmerksamkeit finden die großen Reden: die Bergpredigt (Mt 5-7), die Aussendungsrede (Mt 10), die Gleichnisrede (Mt 13), die Gemeinderede (Mt 18) und die Endzeitrede (Mt 23-25). 

Texte zum Download

Thomas von Aquin, Lesung über das Matthäus-Evangelium, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über das Matthäus-Evangelium, Gliederung des Buchs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

Die Auslegung zum Johannes-Evangelium (Lectura super Ioannem) – Paris, 1270-72

Unter den Schriftkommentaren des Thomas von Aquin nimmt die Auslegung zum Johannes-Evangelium zweifellos den ersten Rang ein. Schon im ältesten offiziellen Schriftenkatalog wird er mit der bewundernden Bemerkung: „qua non invenitur melior – „eine bessere als sie findet man nicht“. Dementsprechend gilt der Kommentar auch heute noch als „ein wahres Meisterstück seiner Art in der mittelalterlichen Literatur“, er zeige den Geist des Thomas „auf seinem Gipfel“ (J. Weisheipl). Zumal die Auslegung zum Prolog (Joh 1,1-18) repräsentiert in ihrer Verbindung von systematischer Geschlossenheit und sachlicher Vollständigkeit wohl „die groß­artigste Formulierung der Logos-Lehre, die sich in der abendländischen Theologie überhaupt finde[t]“ (J. Pieper). Sie zeigt eine „durchweg zu spürende Liebe des Verfassers zu dessen Gegenstand” (C. Berthold) und „enthüllt uns, was zutiefst in seinem Herzen ist“ (M.-D. Philippe).

Als „archimedischer Punkt“ (H.-G. Nissing) im Denken des Thomas von Aquin bildet der Johannes-Prolog die Basis für die Entfaltung der beiden Grundgeheimnisse des christlichen Glaubens: die Lehren von der Dreifaltigkeit und der Inkarnation (vgl. Compedium theologiae I 2; De articulis fidei 1 u.ö.).

Thomas hat die ersten fünf Kapitel der Lectura super Iohannem selbst geschrieben, während es sich beim restlichen Kommentar um eine reportatio Reginalds von Piperno handelt, die Thomas selbst korrigiert hat (so Ptolemäus von Lucca, was heute bezweifelt wird). Eine Schlußbemerkung Reginalds weist darauf hin, daß er diese Aufgabe auf Bitte seines Freundes Adenulf von Anagni übernommen habe, der Probst von St. Omer war, als Thomas an der Universität lehrte – wodurch sich die Abfassungszeit präzise auf den zweiten Pariser Aufenthalt (1269-1272) datieren läßt. Man nimmt an, daß der Johannes-Kommentar nach dem Matthäus-Kommentar, wobei Thomas Matthäus stellvertretend für die Synoptiker behandelt habe: Während diese Christus in seiner Menschennatur darstellen, habe das vierte Johannes seinen spezifischen Charakter dadurch, daß es insbesondere von der Göttlichkeit Christi handle: „Dies aber ist geschrieben, damit ihr glaubt, daß Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes“ (Joh 20,31).

Im Prolog zum Kommentar stellt Thomas den Evangelisten daher als Paradigma eines kontemplativen Menschen vor, dessen besondere Form der Betrachtung ihn in die Lage versetzt habe, von diesem Gegenstand zu handeln. Sowohl hier wie in der divisio textus wird die besondere Qualität des Prologs gegenüber dem Rest des Evangeliums hervorgehoben, der die Konsequenzen der Fleischwerdung als Offenbarung seiner Göttlichkeit beschreibt. Diese Offenbarung geschieht in seinem Leben (Joh 2-11) wie in seinem Sterben (Joh 12-21).

Wie beim Matthäus-Evangelium gilt das besondere Augenmerk des Thomas auch im Johannes-Evangelium den großen Reden Christi (der Brotrede, Joh 6, oder den Abschiedsreden, Joh 13-17), die ihn vor allem als Lehrer zeigen.

Texte zum Download

Thomas von Aquin, Lesung über das Johannes-Evangelium, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über das Johannes-Evangelium, Gliederung des Buchs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

Die Kommentare zu den Paulusbriefen (Lecturae super epistolas Pauli Apostoli) - Rom, 1265-68, und/oder Paris/Neapel, 1271-73?

Von ähnlich herausragender Bedeutung wie die Auslegung zum Johannes-Evangelium sind die expositiones zu den vierzehn Briefen, die unter dem Namen des Apostels Paulus überliefert sind. Sie umfassen etwa ein Drittel des Gesamtbestandes der Bibelkommentare des Thomas.

In den ältesten Werkkatalogen werden die Auslegungen zum Römerbrief und zum ersten Korintherbrief eigens als solche erwähnt, die von Thomas‘ eigener Hand stammen, während die lectura von 1 Kor 11 bis zum Hebr auf die Redaktion Reginalds von Piperno zurückgehen soll.  Darüber hinaus fehlen aus dem Kommentar zum 1. Korintherbrief die Auslegungen 1 Kor 7,10-10 ganz. Schon früh wurde diese Lücke in den Manuskripten und frühen Drucken durch einen Text des Petrus von Tarantasia (in einer Nikolaus von Goran zugeschriebenen Redaktion) gefüllt. Schließlich existieren von den Kommentaren zu 1 Kor 11-13 und Hebr 1-7 zwei Fassungen, die in der Forschung unterschiedlich erklärt werden.

Die komplexe und uneindeutige Überlieferungslage hat zu der Hypothese geführt, daß Thomas die Paulus-Briefe zweimal kommentiert haben soll:
(1) Von der ersten Vorlesungsreihe stammen demnach die vollständigen reportationes Reginalds (sog. lectura), die in der Überlieferung
(2) durch die expositiones der zweiten Vorlesungsreihe von Röm bis 1 Kor 10 ersetzt wurden. Thomas sei, so die Annahme, mit der ersten Vorlesungsreihe unzufrieden gewesen, was ihn zu einer Wiederaufnahme der Kommentierung veranlaßt habe, die durch seinen Tod unterbrochen worden sei.
Auch aufgrund textinterner Beobachtungen wird die zweite Vorlesungsreihe auf die letzten Lebensjahre in Neapel datiert. Kontrovers diskutiert worden sind dagegen die Datierung und Lokalisierung der ersten Vorlesungsreihe. Als Möglichkeiten wurden und werden diskutiert: 1259-1268, Orvieto-Rom (P. Mandonnet), 1265-1268, Rom (J.-P. Torrell), 1268-1272, Paris (J. Weisheipl).

Im Prolog zum Römerbriefkommentar, der zugleich als Vorwort zur Auslegung des gesamten Corpus Paulinum fungiert, zeichnet Thomas ein umfassendes Porträt des Apostels – wobei er an das Wort des Herrn über diesen anknüpft, mit dem er dem Hananias in Damaskus den Auftrag gibt: „Ein Gefäß der Auserwählung ist mir dieser [meinen Namen zu tragen vor Heiden und Könige und die Kinder Israels]“ (Apg 9,15). Es handelt sich hierbei im Übrigen um die erste Charakterisierung des Paulus, die sich in der Heiligen Schrift findet und die überdies „von höchster Stelle“ getroffen ist. Erweitert wird das Porträt des Prologs im folgenden durch die Ausführungen zu den jeweiligen Präskripten der paulinischen Briefe, in denen sich der Autor selbst vorstellt.

Überdies bietet Thomas eine systematisierte Übersicht über sämtliche der vierzehn Briefe des Corpus paulinum, die dessen Hauptthema, die Kraft der Gnade (virtus gratiae) anhand des paulinischen Bildes von Haupt und Gliedern strukturiert.  Bei seiner Auslegung der einzelnen Briefe orientiert sich Thomas durchweg an diesem Gesamtplan und zeigt sich somit der Einheit des Unternehmens bewußt.

Bereits in den ältesten Biographien ist die besondere Verehrung des Thomas für den Apostel Paulus mehrfach bezeugt. Ihren Grund mag sie nicht zuletzt in einer unmittelbarer Vorbildhaftigkeit gehabt haben, die Thomas im Völkerapostel im Hinblick auf sein eigenes Dasein als Predigerbruder erkannt haben mag. Nach seinen eigenen Worten sieht sich Paulus ja „eingesetzt als Prediger (praedicator) und Apostel, als Lehrer der Heiden in Glaube und Wahrheit (doctor gentium in fide et veritate)“, der „die Wahrheit verkündet und nicht lügt (veritatem dico, non mentior)“ (1 Tim 2,7) und „Weisheit (sapientia) unter den Vollkommenen redet“ (1 Kor 2,6). In seinem beständigen Unterwegssein und seinem Wirken in den Städten entsprach er überdies ganz der Lebensweise des Dominikaners Thomas. So mag auch das häufig wiederkehrende „Ich“ der paulinischen Schriften sowie die in ihnen enthaltene Psychologie des Predigers ihm eine nicht unwesentliche Projektionsfläche geboten haben.

Vor allem jedoch war Paulus für ihn von herausragender Bedeutung im Hinblick auf sein theologisches Anliegen als Lehrer, da „in jeder seiner Schriften fast die ganze Lehre der Theologie enthalten“ (Super Ad Rom. prol., n. 6) ist. Dies belegt nicht zuletzt die Reihe theologischer Topoi, die er diesen entnimmt und die für seine eigene Theologie systembildend werden, wie

(1) die Lehre vom natürlichen Gesetz (lex naturalis; vgl. Röm 2,14), 
(2) vom Alten und Neuen Gesetz (lex vetus – lex nova), d.h. von Gesetz und Evangelium (vgl. Gal 3,24; 1 Tim 1,5; Röm 7),
(3) ferner die Lehre von dendrei göttlichen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe (vgl. 1 Kor 13,3; 1 Thess 1,3; 5,8; Gal 5,5f. u.ö., mit der Definition des Glaubens in Hebr 11,1) sowie
(4) die Unterscheidung der Früchte des Heiligen Geistes (vgl. Gal 5,22-23) und der Werke des Fleisches (vgl. Gal 5,19),
(5) die Lehre von der Gnade (vgl. Röm 6,23) und den Gnadengaben (vgl. 1 Kor 12,8-10) und schließlich auch
(6) die betont christozentrische Ausrichtung des paulinischen Denkens insgesamt, die sich nicht zuletzt in der schon  genannten Voranstellung des Hebräerbriefs in seinem christologischen Gehalt im Corpus paulinum  sowie in der häufigen Bezugnahme auf den Hymnus aus Phil 2,5-11 in der Christologie der Summa theologiae zeigt.

Texte zum Download

Thomas von Aquin, Lesung über den Römerbrief, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den Römerbrief, Gliederung des Briefs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den 1. Korintherbrief, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den 1. Korintherbrief, Gliederung des Briefs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den 2. Korintherbrief, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den 2. Korintherbrief, Gliederung des Briefs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den Galaterbrief, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den Galaterbrief, Gliederung des Briefs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den Epheserbrief, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den Epheserbrief, Gliederung des Briefs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den Philipperbrief, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den Philipperbrief, Gliederung des Briefs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den Kolosserbrief, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den Kolosserbrief, Gliederung des Briefs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den 1. Thessalonicherbrief, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den 1. Thessalonicherbrief, Gliederung des Briefs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den 2. Thessalonicherbrief, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den 2. Thessalonicherbrief, Gliederung des Briefs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den 1. Timotheusbrief, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den 1. Timotheusbrief, Gliederung des Briefs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den 2. Timotheusbrief, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den 2. Timotheusbrief, Gliederung des Briefs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den Titusbrief, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den Titusbrief, Gliederung des Briefs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den Philemonbrief, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den Hebräerbrief, Prolog – Reportatio vulgata (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den Hebräerbrief, Prolog – Reportatio altera (Text, lat.-dt.)

Thomas von Aquin, Lesung über den Hebräerbrief, Gliederung des Briefs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

Die Auslegung zu den Psalmen (Postilla super Psalmos) - Neapel, 1273/4

Der Psalmen-Kommentar bildet den großen Schlußakkord der thomanischen Schriftkommentare und markiert zugleich die abschließende Klammer um seinen Umgang mit der Heiligen Schrift aus – waren die Psalmen für Thomas seit seiner Zeit als Novize im Monte Cassino doch als die „Hintergrundmelodie“ seines Lebens präsent.

Die Entstehung der Postilla super Psalmos ist auf die letzte Zeit in Neapel zu datieren. Demnach hat Thomas die Auslegung im September/ Oktober 1273 begonnen, ehe sie durch seine Krankheit und seinen Tod unterbrochen wurde. Das Werk ist daher unvollendet geblieben, es umfaßt Auslegungen zu den ersten 54 Psalmen, die in einer reportatio Reginalds von Piperno überliefert sind.

Die Bezeichnung postilla [vel lectura] super tres [vel quattuor] nocturnos psalterii in den Werkkatalogen deutet an, daß Thomas sich an der liturgischen Ordnung orientiert hat. Mit den „Nocturnen“ sind die Psalmen der Matutin gemeint, in der die Psalmen auf die Wochentage verteilt waren. Die ersten drei bzw. vier „Nocturnen“ entsprechen den Psalmen der ersten drei bzw. vier Wochentage (Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch), die bis einschließlich Psalm 54 gehen.

Der Prolog von sehr elaborierter Form und grundsätzlichem Inhalt. Ganz im Sinne der Tradition hebt Thomas den eigentümlichen Charakter des Psalmenbuches als poetische Summe der gesamten Heiligen Schrift hervor: „Was immer in den anderen Büchern auf [verschiedene] Weisen gesagt wird, wird hier in der Weise des Lobes und des Gebetes (per modum laudis et orationis) vorgestellt.“ – „Während die einzelnen Bücher der kanonischen Schriften besondere Gegenstände haben, hat dieses Buch das Allgesamt der gesamten Theologie (generalem habet totius theologiae).“  (Super Ps. prol.).

Von David verfaßt, ist der Psalter, so Thomas, von prophetischem Charakter und hat über seinen eigentlichen historischen Sinn hinaus Christus und seine Kirche zum Gegenstand. Dabei geben die Auslegungen zu den Psalmen nicht nur Thomas’ Sinn für die poetischen Dimensionen des Schriftwortes zu erkennen, sie zeigen ihn immer wieder in starker persönlicher Beteiligung und offenbaren damit etwas von dem, was der Psalter für sein geistliches Leben bedeutete. Entsprechend berichten die Biographen mehrfach von starken emotionalen Regungen, die er beim Gesang der Psalmen zeigte. Und es verwundert nicht, daß der Psalter das in den Schriftkommentaren am häufigsten zitierte biblische Buch ist.

Texte zum Download

Thomas, Kurzkommentar zu den Psalmen, Prolog (Text, lat.-dt.)

Thomas, Kurzkommentar zu den Psalmen, Gliederung des Buchs nach Kapiteln (Text, lat.-dt.)

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