Thomas von Aquin und die Bibel

Ein Blick auf die Biographie

Das Leben des Thomas von Aquin steht ganz im Zeichen des göttlichen Wortes, seiner Auslegung und Verkündigung. Mit seinem Eintritt in den Bettelorden der Dominikaner im Jahr 1244 in Neapel nimmt er Teil an der großen evangelischen Armutsbewegung seiner Zeit, die nach einer radikalen Erneuerung des christlichen Glaubens und Lebens aus den biblischen Ursprüngen. In der Nachfolge des armen Wanderpredigers Christus wird die Bibel für Thomas gleichermaßen zur Richtschnur seines Lebens wie zur Quelle seines Lehrens und Schreibens.

Thomas’ Lebenszeit umfaßt ziemlich genau das zweite und dritte Viertel des 13. Jahrhunderts. Man hat das 13. Jahrhundert auch als „Jahrhundert des Bibel“ (G. Lobrichon) bezeichnet. Am augenscheinlichsten tritt die neu erwachte Aufmerksamkeit jener Zeit für die Heilige Schrift zweifellos in der evangelischen Armutsbewegung vor Augen, die breite Teile der Bevölkerung erfaßt hatte und – gegen ein verweltlichtes Christentum – von der Leidenschaft einer bewußten und buchstäblichen Rückkehr zu den biblischen Quellen bestimmt war.

– In den Bettelorden hatten dieser geistliche Aufbruch seine kirchlich institutionalisierte Gestalt gefunden.
– Als völlig neuartige Organisation des Ordenslebens in Armut und Wanderpredigt fanden die Mendikanten den primären Ort ihrer Wirksamkeit in den Städten, den damals neu gewachsenen Zentren menschlichen Zusammenlebens.
– Sie waren zugleich von maßgeblichen Einfluß auf die sich dort entwickelnden Universitäten,
– Unter der Wiederaneignung der Philosophie des Aristoteles fand dort die institutionalisierte Ausbildung von Wissenschaft und Rationalität stattfand, die das Abendland bis heute prägt.

Die Bettelorden, die aufblühenden Städte, die Universitäten und die Aristoteles-Rezeption – der persönliche Lebensgang des Thomas ist mit all diesen Elementen seines Zeitalters auf eigenartige Weise verflochten, so daß man von einem „exemplarischen Charakter“ seiner Biographie gesprochen hat, in der sich „nahezu sämtliche Elemente jenes […] Jahrhunderts zu einer Art von ‚existentieller’ Synthese“ (J. Pieper) verknüpfen.

1231-1239: Oblate im Benediktinerkloster Montecassino

„Eine Schule für den Herrn“

Titelblatt der Benediktregel (ca. 914-934, Codex Casinensis 175, p. 3, © Montecassino, Archivio dell’Abbazia)

Als jüngster Sohn des Grafen Landulf von Aquin (*1160/70), eines Ritters (miles) aus dem Hofadel Friedrichs II. von Hohenstaufen, der lombardischer, vielleicht normannischer Herkunft war, und seiner Frau Theodora, die aus neapolitanischem Adel stammte, war Thomas von seinen Eltern ursprünglich für eine geistliche Laufbahn in der nahe gelegenen Benediktinerabtei Montecassino ausersehen und mit fünf oder sechs Jahren als Oblate dem Kloster übergeben worden.

Man wird die Prägungen, die der junge Thomas durch das benediktinische Mönchtum erhalten hat, nicht unterschätzen dürfen – insbesondere im Hinblick auf sein Verständnis der Heiligen Schrift.

(1) Hierzu gehörte an erster Stelle die innere Formung durch das Gebet der Psalmen im Erfahrungsraum von Liturgie und Gottesdienst. Auswendig gelernt, sollten die Psalmen „der Grundton jenes Lebens bleiben, das sich in einer von Liturgie und Gesang durchdrungenen Umgebung abspielte“ (T. Leccisotti).

(2) Darüber hinaus geschah das Lesen- und Schreibenlernen der Oblaten anhand der Bibel, der liturgischen Bücher sowie der Werke der Kirchenväter.

(3) Der Unterricht, den Thomas als Oblate in Montecassino erlebte, vollzog sich inhaltlich im Rahmen der sog. „sieben freien Künsten“, der septem artes liberales, die von Augustinus (354-430) her im Frühmittelalter zum beherrschenden Erziehungs- und Ausbildungsmodell geworden waren. Sie umfaßten im Trivium (Grammatik, Rhetorik und Dialektik bzw. Logik) und im Quadrivium (Arithmetrik, Geometrie, Musik, Astronomie) und waren vom Ideal geleitet, den Menschen in einem geistigen Aufstieg zur Erkenntnis der Seele und Gottes zu führen. Für den Umgang mit der Heiligen Schrift kam innerhalb des Triviums zwei Disziplinen eine besondere Bedeutung zu: der Grammatik und der Dialektik: „Weil im biblischen Wort Gott unterwegs ist zu uns und wir zu ihm, darum muß man lernen, in das Geheimnis der Sprache einzudringen, sie in ihrem Aufbau und in der Weise ihres Ausdrucks zu begreifen.“ (J. Ratzinger).

(4) Neben dem „Gespräch mit Gott“ im Singen der Psalmen und der schulischen Bildung durch die artes umfaßte die klösterliche „Kultur des Wortes“ schließlich die lectio divina, eine Lektüre der Heiligen Schrift, die – in den Tradition der Kirchenväter – über den wörtlichen Sinn des Bibeltextes hinaus nach dem in ihm liegenden geistlichen Sinn fragt und ihn durch Allegorien und Figuren, Zahlensymbolik und Etymologie zu erhellen suchte – um durch die Vielfalt der Wörter, ihrer Bedeutungen und ihrer Bezüge zu dem einen und ewigen göttlichen Wort selbst zu gelangen, und ihm darin persönlich zu begegnen und zu erfahren. Wie sehr das thomanische Schriftverständnis durch diese Tradition bleibend geprägt ist, zeigen noch die Ausführungen der Summa theologiae – namentlich des Traktats vom „Alten Gesetz“, von dem man gesagt hat, Thomas „schwelge“ hier geradezu in allegorischer und geistlicher Schriftauslegung.

Immerhin fast zehn Jahre seines Lebens hat Thomas in Montecassino verbracht, ehe Streitigkeiten zwischen Papst und Kaiser um Besitz und Zuständigkeit der seinerzeit prosperierenden Abtei der Grund dafür waren, ihn auf Geheiß des Abtes um 1239 nach Neapel zu schicken, damit er an der dortigen Universität seine Studien fortsetzen konnte.

1239-1244: Neapel – Eintritt in den Predigerorden

Der Schritt nach Neapel ist für Thomas zugleich ein Schritt heraus aus der alten, im Zerfall begriffenen Feudalordnung des Frühmittelalters in eine neue Welt, die unter dem Vorzeichen städtischer Freiheit und neuer politischer und wirtschaftlicher Lebensformen im Begriff war zu entstehen: Die Städte mit ihren Zünften und Magistraten, mit Handwerk und Handel waren gleichermaßen Orte wie Symbole jener neuen Weltlichkeit, in der sich Initiative und Beweglichkeit mit dem Sinn für individuelle Verantwortung zu einer eigenen Dynamik verbanden.

In die Zeit in Neapel, Hauptstadt des Königreichs Sizilien und seit jeher Umschlagplatz zwischen Orient und Okzident, fällt für Thomas nicht nur
(1) der erste Kontakt mit dem Denken und den Schriften des griechischen Philosophen Aristoteles, der für die damalige Zeit und Christenheit die große intellektuelle Attraktion wie Herausforderung sein sollte, sondern vor allem
(2) die Bekanntschaft mit dem gerade neu entstandenen Orden der Predigerbrüder und ihrem Ideal einer christlichen Nachfolge, die sich radikal an den biblischen Ursprüngen des apostolischen Lebens in Armut und Wanderpredigt orientierte.

Eine biographische Reminiszenz an die eigene Berufung zum Eintritt in den Predigerorden hat man in Bemerkungen erkannt, die sich in späteren Schriften zur Rechtfertigung des Mendikantentums finden. Thomas nennt hier an erster Stelle – noch vor dem Antrieb des Heiligen Geistes (instinctus Spiritus Sancti) in unserem Inneren – das Hören auf das Wort Gottes, dessen Anrede wir in der Heiligen Schrift vernehmen:

Wir müssen die Worte der Heiligen Schrift hören, als ob sie aus dem Mund Christi selbst kommen ([V]erba Christi quae in Scripturis dicuntur, debeus accipere, ac si ab ipsis Domini ore audiremus; Contra retrahentes, 9).

Die Bemerkung zeigt, auf welch unmittelbare Weise die biblischen Texte für Thomas Ort der Erfahrung und Begegnung mit Christus selbst sind.
Besondere Bedeutung hatten für ihn offenbar jene Worte, die Jesus dem reichen Jüngling und anderen entgegnet, der ihm nachfolgen möchten, da er sie immer wieder zitiert:

 „Du aber komm, und verkünde das Wort Gottes (Tu autem vade, et annuntia verbum Dei; Lk 9,20).“

1245-1246: Monte San Giovanni – Gefangenschaft durch die Familie

Sein Ordenseintritt im Jahr 1244 in der Kirche S. Domenico Maggiore in Neapel besitzt für Thomas so den Charakter einer ersten und grundlegenden Lebensentscheidung, die seine gesamte weitere Biographie bestimmen wird und die er mit Beharrlichkeit verfolgt und verteidigt hat – nicht zuletzt gegen den Widerstand aus der eigenen Familie.
Bekannt ist der bereits zu seinen Lebzeiten legendarisch überlieferte Versuch seiner Brüder, ihn durch eine etwa einjährige Gefangenschaft in den familieneigenen Burgen Monte San Giovanni und Roccasecca von seinem Weg abzubringen. Der Verführungsversuch durch eine Kurtisane, die man ihm in die Zelle schickte, begegnete Thomas mit einem aus dem Feuer genommenen Holzscheit, mit dem er die Frau vertrieb. Die Heftigkeit seiner Reaktion zeigt etwas von der Radikalität und Grundsätzlichkeit seines Charakters und von seiner Hartnäckigkeit, der einmal getroffenen Entscheidung zu folgen.

Die ältesten Biographien beschreiben die Zeit der Gefangenschaft überdies als Zeit der inneren Formation für die spätere Aufgabe. In der geistlichen Atmosphäre von Gebet, Lesung und Betrachtung las Thomas (1) die gesamte Bibel, (2) die Sentenzen des Petrus Lombardus und (3) eine logische Abhandlung des Aristoteles und legte die Heilige Schrift seiner Schwester aus (vgl. Wilhelm von Tocco, Historia Sancti Thomae Aquinatis c. 10). Insbesondere „im Lesen der Bibel machte er so wunderbare und tiefe Fortschritte, daß er […] über den Sinn nur weniger Stellen der Schrift Zweifel hatte“ (Bartholomäus von Capua im Heiligsprechungsprozeß von Neapel n. 76).

1246-1252: Paris und Köln – Studien und Ausbildung

Mit der Freilassung durch die Familie und die Rückkehr zum Orden der Predigerbrüder beginnt für Thomas die Zeit eines unruhigen Wanderlebens, die ihn von nun an selten mehr als drei Jahre an einem Ort bleiben läßt. Auf diese Weise nimmt er an der Mobilität und Dynamik seines Zeitalters teil.

Der Weg führt ihn zunächst nach Paris (1245-1248) und Köln (1248-1252), wo er seine Studien fortsetzt und in Albertus Magnus einen kongenialen Lehrer findet, dessen erklärtes Anliegen es war, „alle Teile der [aristotelischen] Philosophie den Lateinern bekannt zu machen“. Er bestärkte Thomas in der Hochschätzung der Philosophie.
Neben der Bibel ist das Denken des Aristoteles der zweite wesentliche Grundimpulse, der dem Leben und Werk des Thomas von Aquin ihre Dynamik und Richtung verleiht – und aus dem sie verständlich werden. Die Schriften des antiken „Philosophus“ (wie sein mittelalterlicher Ehrenname lautete) waren auf einem komplexen Weg der Wiederentdeckung dem Hochmittelalter neu zugänglich geworden. Sie standen für ein neues Ideal von Wissenschaft und Rationalität, das bis in die Gegenwart prägend werden sollte. Mit Aristoteles und seinem Werk begegnete dem abendländischen Christentum ein nahezu vollständiges System von Wissenschaften, das abseits der christlichen Offenbarung auf heidnischem Boden und ausschließlich mit den Mitteln der natürlichen Vernunft entwickelt worden war.
Die Vereinbarkeit von christlichem Glauben und aristotelischem Denken zu erweisen und die Möglichkeit einer Theologie als Wissenschaft nach aristotelischem Vorbild aufzuzeigen, sollte zur epochalen Aufgabe für Thomas werden.
Vor aller intellektuellen Voraussetzung stand das aristotelische Denken zugleich in einer unmittelbare Übereinstimmung oder Verwandtschaft zum Lebensgefühl der Zeit, für die das Diesseitige, Materielle und Natürliche eine neue, eigenständige Bedeutung gewonnen hatte und die in der Weltlichkeit des Städtischen, in der Wißbegier der Universitäten und in der Weite der Kathedralen ihren Ausdruck fand.

In die Kölner Zeit fällt zugleich die Entstehung der ersten eigenen theologischen Werke. Es sind Bibelkommentare, die der junge Assistent auf seinem Weg zum Magisteramt zu verfassen hatte. So kommentierte Thomas vermutlich in Köln die Schriften der Propheten Jesaja und Jeremia samt dessen Klageliedern. Vom erstgenannten Werk ist ein Großteil im Autographen erhalten (vgl. Cod. Vat. 9850, fol. 105ra-114vb).

Bibelkommentare aus der Kölner Zeit
Expositio super Isaiam ad litteram (1252)
Super Ieremiam (1252)
Super Threnos (1252)

1252-1259: Paris – Bakkalaureus und Magister für Theologie

Auf Empfehlung Alberts wurde Thomas 1252 wieder nach Paris geschickt, um seine Studien abzuschließen und einen der Lehrstühle an der theologischen Fakultät zu übernehmen. Mit der Antrittsvorlesung im Frühjahr 1256 und der Aufnahme ins Magisterkollegium begann Thomas seine akademische Lehrtätigkeit.
Die Jahre dieser ersten Tätigkeit als Bakkalaureus und Magister an der Pariser Universität (bis 1259) und eine zweite, die zwischen 1268 und 1272 folgten sollten zu Fixpunkte im ansonsten unruhigen Lebens als Wanderprediger werden. Sie sind zugleich verbunden mit akademischen Auseinandersetzungen, in denen es um die beiden Grundmotive seines Lebens und Denkens ging:

Sententiae (13./14. Jh., Nordfrankreich, © Arras, Médiathèque de l'Abbaye Saint-Vaast, 119 [CGM 159], f. 1r)

(1) Im sog. „Mendikantenstreit“ (um 1256 und um 1270) galt es, die Legitimität der biblischen Lebensform der Bettelorden gegen Widersprüche aus dem Weltklerus zu verteidigen und ihre Stellung innerhalb der Kirche zu bestimmen,

(2) in der Auseinandersetzung mit dem sog. „lateinischen Averroismus“ (um 1270) standen die richtige Auslegung der Schriften des Aristoteles und ihre Vereinbarkeit mit dem christlichen Glauben zur Debatte.

Gerade die in jenen Debatten entstandenen Schriften zeigen den ansonsten so nüchterne und zurückhaltende Thomas mit einer Leidenschaftlichkeit, ja: Heftigkeit, die kenntlich macht, daß man es hier „mit dem für ihn Wertvollsten, mit der Berufung, für welche er seit seiner Jugend kämpft, zu tun hat“ (J.-P. Torrell).

Bibelkommentare aus der ersten Pariser Zeit
Principium biblicum „Rigans montes“ (1256)
Principium biblicum „Hic est liber mantadorum Dei“ (1256)

Weitere Schriften aus der ersten Pariser Zeit
Scriptum super libros Sententiarum (1252-1254)
De ente et essentia (1252-56)
De principiis naturae ad fratrem Sylvestrum (1252-56)
Contra impugnantes Dei cultum et religionem (1256)
Quaestiones disputatae de veritate (1256-1259)
Quaestiones quodlibetales (1256-1259)
Super Boethium De trinitate (1257-59)
Expositio libri Boethii De hebdomadibus (1257-59?) 

1259-1268: Italien – Unterwegs im Dienst des Ordens

Zwischen den beiden Pariser Lehraufenthalten führt Thomas sein Weg im Dienste seines Ordens an die Studienhäuser nach Italien: nach Orvieto (1261-65), dann nach Rom (1265-68), wo er mit der Organisation des Studienbetriebs, dem Aufbau von Studienhäusern und dem Verfassen von Lehrplänen beschäftigt ist. Ab 1260 ist ihm ferner das Amt des Generalpredigers der römischen Ordensprovinz übertragen.
Unsicherheiten bestehen für die Zeit von 1259 bis 1261 in Italien (vgl. J.-P. Torrell, Magister Thomas, Freiburg/ Br. 1995, 117-120).

Orvieto (1261-1265)

Insbesondere die Zeit in Orvieto, wo Thomas als Konventslektor an San Domenico tätig war, ist von besonderer Bedeutung. Sie ist gekennzeichnet von intensiven Kontakten zum päpstlichen Hof und entsprechende Auftragsarbeiten sowie den Möglichkeiten, in den Archiven der Kurie ein intensives Quellenstudium gerade der Kirchenväterliteratur zu betreiben. Das Ergebnis bildet die populär gewordene sog. Catena aurea, ein Kommentar zu den vier Evangelien, der ausschließlich mit Hilfe von Kirchenväterzitaten zusammengestellt ist. Zudem verfaßt Thomas eine Auslegung zum alttestamentlichen Buch Ijob.

Mit der Redaktion des Offiziums für das 1264 neu eingeführte Fronleichnamsfest und insbesondere mit seinen Hymnen und seiner Sequenz („Pange lingua“, „Sacris sollemniis“, „Verbum supernum prodiens“, „Lauda Sion“) entstehen zugleich jene poetischen Texte, die bis heute als eigentliches Vermächtnis des Thomas von Aquin für den Glauben der Kirche gelten können.

Die Zeit in Orvieto markiert so den Beginn der „literarisch fruchtbarste Zeit seines Lebens“ (U. Horst).

Bibelkommentare aus der Zeit in Orvieto
Glossa continua super Evangelia (= Catena aurea, 1262/3-1265/8, Rom)
Expositio super Iob ad litteram (1261-65)

Weitere Schriften aus der Zeit in Orvieto, u.a.:
Summa contra Gentiles (Liber de veritate catholicae fidei contra errores infidelium) (Italien, 1259-1265)
Expositio super librum Dionysii De divinis nominibus (1261-1268, Rom)
Officium de festo Corporis Christi ad mandatum Urbani Papae (1264)
Diverse Opuscula

Rom (1265-1268)

Die Jahre in Rom hingegen sind mit der Gründung und Leitung eines Ordensstudiums verbunden sowie mit dem Auftakt der Arbeit an seinem Hauptwerk, der Summa theologiae, an der Thomas die längste Zeit seines Lebens arbeiten sollte. Subsidiär dazu beginnt er im Konvent Santa Sabina, der 1219 dem Predigerorden übertragen worden war und wo der hl. Dominikus den hl. Franziskus von Assisi getroffen hat, mit der Kommentierung der Schriften des Aristoteles.

Spuren thomanischen Wirkens in Italien sind ferner erhalten in Bologna und Viterbo. Unklar ist, wann und wo er sämtlich Briefe des Apostels Paulus kommentiert hat.

Thomas von Aquin als Lehrer

Initiale E, Opuscula (14. Jh., Frankreich/ Italien, © Paris, Bibliothèque Sainte-Geneviève, 238, f. 1)

Bibelkommentare aus der Zeit in Italien
Lectura super epistolas Pauli Apostoli (1265-68? und/oder Paris/Neapel, 1271-73?)

Schriften aus der Zeit in Rom, u.a.
Quaestiones disputatae de potentia Dei (1265-66)
Quaestiones disputatae de anima (1265-66)
Quaestiones disputatae de spiritualibus creaturis (1267-68)
Compendium theologiae ad fratrem Raynaldum (1265-73, Neapel)
De regno ad regem Cypri (1267)
Sententia libri De anima (1267/8)
Sententia libri De sensu et sensato (1268-70, Paris)
Summa theologiae, Prima Pars (bis September 1268)

1268-1272: Paris – Magister für Theologie

Gründe für die Rückkehr des Thomas nach Paris waren wohl einerseits das Wiederaufblühen der Angriffe der Säkularkleriker auf die Bettelorden, andererseits die durch die sog. „lateinischen Averroisten“, die an der philosophischen Fakultät lehrten, hervorgerufene Krise (vgl. Siger von Brabant, 1235/40-1284, Boethius von Dacien, +1284).

Bei der Diskussion um die richtige Auslegung der Schriften des Aristoteles und ihre Vereinbarkeit mit dem christlichen Glauben ging es die um die Fragen (a) der menschlichen Freiheit, (b) der Allgemeinheit der göttlichen Vorsehung, (c) der Ewigkeit der Welt und (d) der Individualität menschlicher Erkenntnis. Ihr Zentrum hatten sie in der menschlichen Person, ihrer eigentümlichen Geistigkeit und Existenz

Zugleich ist gerade der zweite Lehraufenthalt für Thomas von einer enormen Dynamik des Arbeitens geprägt, die sich zum Ende seines Lebens hin in einer immensen literarischen Produktivität niederschlägt. Es entstehen der zweite Teil der Summa theologiae, eine Reihe von Quaestionen-Sammlungen, ein Großteil der Aristoteles-Kommentare sowie die Auslegungen zum Matthäus– und zum Johannes-Evangelium. Gerade letzterer zeigt Thomas auf dem Höhepunkt seines theologischen Schaffens.

„Als er Paris […] siebenundvierzigjährig verläßt, ist er ein verbrauchter Mann. Wenn man […] nur die schriftstellerische Ausbeute dieser drei Jahre bedenkt, versteht man kaum, wie sie von einem einzelnen Menschen zustandegebracht werden konnte.“ (Josef Pieper, Hinführung zu Thomas von Aquin, 268f.)

Bibelkommentare aus der zweiten Pariser Zeit
Lectura super Matthaeum (1269-1270)
Lectura super Ioannem (1270-1272)

Weitere Schriften aus der zweiten Pariser Zeit, u.a.:
Summa theologiae, 
– Prima Secundae (1271) 
– Secunda Secundae (Paris, 1271/2)
Sententia super Physicam (1268/9)
Sententia super Meteora (vor 1270)
Expositio libri Peri hermeneias (1270/1)
Expositio libri Posteriorum (1271-1272, Neapel)
Sententia Libri Ethicorum (1271/2)
Tabula libri Ethicorum (1270)
Sententia libri Politicorum (1269-72)
Sententia super Metaphysicam (1270-1273, Neapel)
Expositio super Librum de causis (1272)
Quaestiones disputatae de malo (1269-1271)
Quaestiones disputatae de virtutibus (1271-1272)
Quaestiones disputatae de unione Verbi incarnati (1272)
Quaestiones quodlibetales (1269-1272)
De perfectione spiritualis vitae (1269-70)
De unitate intellectus contra Averroistas (1270)
De aeternitate mundi (1271)
Contra doctrinam retrahentium a religione (1271)
Diverse Opuscula

1272-1274: Neapel: Rückkehr zu den Orten des Anfangs

Gegen Ende seines Lebens führt sein Weg Thomas schließlich zurück an den Ort der Ursprünge und seiner ersten Entscheidungen: nach Neapel. Vom Provinzkapitel war er beauftragt worden, ein Generalstudium an einem beliebigen Ort mit ausgesuchten Studenten zu organisieren. Er schreibt am dritten, christologischen Teil seiner Summa theologiae, verfaßt einen Psalmenkommentar und beginnt eine Neubearbeitung der Auslegungen zu den Paulus-Briefen.

Mit seinen Predigten in der Fastenzeit 1273 in der Kirche S. Domenico Maggiore ist Thomas der Bevölkerung Neapels vor allem als Prediger in Erinnerung geblieben. Die Biographen berichten ferner von einer Vision nach der Feier der hl. Messe am Nikolaustag 1273, nach der Thomas die Arbeit an seinen theologischen Schrift abbrach und seinem Schüler Reginald von Piperno beschied: „Ich kann nicht mehr. Denn was ich geschrieben habe, ist Spreu gegenüber dem, was ich geschaut habe“.

Bibelkommentare aus der Zeit in Neapel
Lectura super epistolas Pauli Apostoli (Rom, 1265-68? und/oder Paris/Neapel, 1271-73?)
Postilla super Psalmos (1273/4)

Weitere Schriften aus der Zeit in Neapel, u.a.
Summa theologiae, Tertia Pars (Paris, 1271/2-1273)
Sententia super librum De caelo et mundo (1272/3)
Sententia super libros De generatione et corruptione (1272/3)
Collationes in Symbolum Apostolorum (1273)
Collationes in orationem dominicam (1273)
Collatio in salutationem angelicam (1273)
Epistola ad Bernardum abbatem casinensem (1274, Aquino/Maenza

1274: Tod in der Zisterzienserabtei Fossanova

Auf dem Weg zum Konzil in Lyon, zu dem er von Papst Gregor X. eingeladen worden war, erkrankt Thomas und stirbt am 7. März 1274 in der Zisterzienserabtei Fossanova. Von seinen letzten Tagen und Stunden berichten die ältesten Biographien ausführlich. Demnach soll Thomas den Mönchen dort das Hohelied Salomos ausgelegt haben (wofür es allerdings keinen handschriftlichen Belege gibt) und als „poetisches Testament“ seines Lebens und Schaffens den Hymnus „Adoro te devote“ gebetet haben.

Der Leichnam des Thomas wurde zunächst in der Klosterkirche bestattet und dort mehrfach umgebettet. Im Jahr 1369 fand die Translation der Gebeine nach Toulouse statt, wo er bis heute in der Jakobinerkirche verehrt wird. Das Datum der Überführung (28. Januar) ist seit 1970 der Gedenktag im liturgischen Kalender der römisch-katholischen Kirche.

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Der Heiligsprechungsprozeß fand knapp fünfundvierzig Jahre nach dem Tod des Thomas in Neapel (Sommer 1319) und Fossanova (November 1321) statt. Thomas wurde am 18.7.1323 durch Papst Johannes XXII. in Avignon heiliggesprochen.

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