Im Prinzip: das Wort
Das Schriftverständnis des Thomas hat seinen Ursprung in Jesus Christus selbst, dem ewigen und fleischgewordenen Wort Gottes. Von diesem einen Wort her erhalten die vielen Worte der Heiligen Schrift ihren Sinn und ihre Kraft. Der Name „Wort“ (Verbum) oder „fleischgewordenes Wort“ (Verbum incarnatum) ist unter den verschiedenen Namen, welche die Bibel für Christus bezeugt, der von Thomas bevorzugte. Er ist gewissermaßen sein Lieblingsname. Der Prolog des Johannes-Evangeliums, auf den diese Bezeichnung zurückgeht, wird daher vom „archimedischen Punkt“ des Schriftauslegung des Thomas
Das Wort, von dem der Evangelist Johannes Zeugnis gibt, hat für Thomas in der Tat den Charakter eines Prinzips. Von jeher hat der Johannes-Prolog der christlichen Theologie als besonderer „Höhepunkt der Offenbarung“ (M.-D. Philippe), als „Credo des christlichen Glaubens“ oder „Matrix im Verstehen der Botschaft des Christentums“ (G. Kruck) gegolten. Für Thomas wird er zum großen Bezugsrahmen, aus dem heraus er sein Verständnis von Heiliger Schrift und Theologie entfaltet. Denn „im Anfang“ ist alles enthalten – und so enthält der Prolog, zumal seine ersten drei Verse, in überragender Weise eine Erkenntnis des göttlichen Wortes.
Programmatisch heißt es daher im Kommentar zum Johannes-Evangelium, der als „das theologische Werk par excellence“ des Thomas bezeichnet wurde und „einen einzigartigen Platz“ (M.-D. Philippe) unter seinen Schriften einnimmt:
„Beginn und Anfang unserer Weisheit ist Christus (Initium et principium sapientiae nostrae est Christus), sofern er die Weisheit und das Wort (Verbum) Gottes ist, das heißt gemäß seiner Gottheit. Im Hinblick auf uns aber ist derselbe Christus Anfang, insofern „das Wort Fleisch geworden ist“ (caro factum), das heißt gemäß seiner Menschwerdung“ (Super Ioan. I 1, n. 34)
Menschliche Sprache und göttliches Wort – Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis
Besonderen Wert legt Thomas darauf, seine Theologie des göttlichen Wortes im Ausgang von der menschlichen Selbsterfahrung zu erschließen. Nach einer der ältesten, auf Aristoteles zurückgehenden Definitionen im Abendland ist der Mensch als „Wesen des Wortes“ bestimmt, als zoon logon echon. Das Faktum menschlicher Sprachbegabung gilt Thomas daher als der unhintergehbare Ausgangspunkt, um Christus als das ewige Wort Gottes zu verstehen – wie freilich auch umgekehrt gilt, daß im Licht des göttlichen Wortes die menschliche Sprache erst recht verständlich wird:
„Nichts ist Gott so sehr ähnlich wie die Seele des Menschen. Die Weise, etwas in der Seele hervorzubringen, besteht darin, daß der Mensch in seiner Seele etwas denkt, und das nennt man Ausdruck des Verstandes (conceptio intellectus). Dieser Ausdruck wird durch die Seele gezeugt wie durch einen Vater, und dieser Ausdruck heißt „Wort“ des Verstandes oder des Menschen (verbum hominis). Die Seele zeugt durch das Denken ihr Wort.
So ist auch der Sohn Gottes nichts anderes als das Wort Gottes. Nicht wie ein nach außen hin gesprochenes Wort (verbum exterius prolatum), welches vergeht, sondern er ist das innerlich ausgedrückte Wort (verbum interius conceptum).“ (Coll. in Symb. Apost 3, n. 892)
Das Wort wird für Thomas so zum evidentesten Schlüssel der Selbst- wie Gotteserkenntnis und zum entscheidenden Angelpunkt seines Verständnisses von Mensch, Welt und Gott. Und die Klärung des Verständnisses von Sprache erscheint als Voraussetzung für das Konzept von theologischer Lehre, da diese doch durch das Wort geschieht.
Zwar besteht ein Unterschied zwischen den vielen menschlichen Worten, die nacheinander entstehen und unvollkommen sind, und dem einen göttlichen Wort, das ein einziges ist, vollkommen und in beständiger Wirklichkeit, ja: das mit dem göttlichen Wesen identisch und daher Person ist.
Doch erweist es sich gerade in dieser besonderen Eigenart als geeignet, die philosophische Gottesvorstellung christlich aufzunehmen und zu vollenden, wie sie von Aristoteles entwickelt worden war. Dieser hatte Gott als „reinen Akt“ und des „Denkens des Denkens“ bestimmt. Schon von seiner Etymologie her steht der Name „Gott“ (theos), so Thomas, mit dem griechischen Verb theiastai (videre/ considerare) in Verbindung.
Eine persönliche Entdeckung
Thomas von Aquin gehört zu jenen Autoren, deren Lehren in der Regel von großer Konsistenz und Kontinuität gekennzeichnet sind. Um so bemerkenswerter ist es, daß eine der seltenen Lehrentwicklungen gerade im Bereich der Lehre vom (göttlichen) Wort findet, die für ihn von so zentraler Bedeutung ist. Man kann hier zweifellos von einer persönlichen Entdeckung sprechen, die sein weiteres Denken in tiefgreifender Weise geprägt hat. Thomas selbst hat sie mit einiger Emphase als eine solche kenntlich gemacht.
Auf den Punkt gebracht, besagt sie ein Verständnis des Wortes als Produkt einer spontanen Formung durch den erkennenden Intellekt. Anders gesagt: das Wort wird vor allem als eine expressive, dynamische und wirksame Wirklichkeit wahrgenommen.
Eine treffende Illustration dieses Konzepts enthält die Antwort des Thomas auf die Frage, warum denn die lateinischen Bibelübersetzer das Wort logos im griechischen Urtext des Johannes-Evangeliums mit „Wort“ (verbum) und nicht mit „Begriff“ (ratio) übersetzt haben: Während „Begriff“ lediglich die innere Wirklichkeit in Gott bezeichnet, besage „Wort“ darüber hinaus die wirkmächtige schöpferische Macht (operativa potentia) des Sohnes und einen Bezug nach außen (respectus ad exteriora), eine Hinordung auf Offenbarung.
Die Handschrift des Thomas von Aquin – Zeugnis vom göttlichen Wort
Das älteste handschriftliche Zeugnis des Thomas von Aquin
Corpus Dionysiacum (11. Jh., Amorbach, © Köln, Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek, Cod. 30, 16r
Nicht zuletzt mit ihrer Vielzahl von Überarbeitungen und Korrekturen, die sich in den Autographen finden, geben einen lebendigen Eindruck vom gedanklichen Ringen ihres Autors. Ja, vielleicht darf man sogar sagen, daß die Handschrift des Thomas selbst wie ein Spiegel ist, in dem sich die Sinnspitze seines operatives, dynamisches Verständnis von Wort und Sprache abzeichnet. Seine berühmt-berüchtigte littera illegibilis wäre demnach nicht nur Ausdruck seiner Arbeitsweise und seines Charakters sowie der dynamischen Struktur seiner Persönlichkeit, die sich so signifikant von dem prälatenhaft überlegenen Bild unterscheidet, das die spätere Ikonographie häufig von ihm gezeichnet hat.
Die Impulsivität, Leidenschaftlichkeit und Ungeduld, mit der Thomas schreibt, in der er zum Ende, zum Ziel kommen will, die Flüchtigkeit seiner Schreibweise, deren Buchstaben kaum zu erkennen und deren Worte nur schwer zu identifizieren sind, sind zugleich ein signifikantes Zeugnis seiner expressiven und dynamischen Wahrnehmung des menschlichen wie göttlichen Wortes.
Erfahrbarkeit des einen Wortes in den vielen Worten der Heiligen Schrift
Auf dieser Basis unterscheidet Thomas verschiedene Weisen göttlichen Sprechens: (1) in der Schöpfung, (2) in der Erleuchtung und Inspiration einzelner Menschen und (3) zuhöchst in der Menschwerdung des Wortes selbst.
Wiederum orientiert er sich dabei offensichtlich an der Vorgabe des Johannesprologs und seiner Sequenz von (1) ewigem Dasein (vgl. Joh 1,1-2), (2) schöpferischer (vgl. Joh 1,3-4), und (3) erleuchtender Kraft (vgl. Joh 1,4-8) des ewigen Wortes, die schließlich in der Fleischwerdung (vgl. Joh 1,14f) gipfelt. Der Gedanke „Gott spricht“ wird so zur umfassenden Chiffre für das thomanische Verständnis göttlicher Offenbarung.
In diesem Rahmen wird die Heilige Schrift zu einem privilegierten Ort der Erfahrbarkeit des einen, ursprünglichen Wortes (verbum primordiale), denn „alle ihre Worte leiten sich von diesem einen Wort ab“, das „der Ausdruck aller Worte (expressio omnium verborum), gewissermaßen ihre Quelle“ ist (Super Ad Hebr. IV 2, n. 217). Durch ihre Teilhabe an ihm heißen sie Wort. Weil „alle Worte ein Abbild des einen Wortes sind“, empfiehlt Thomas einen Umgang mit der Heiligen Schrift, der das liebende Zuhören, die glaubende Aufnahme, die beständige Betrachtung, die begeisternde Verkündigung und den praktischen Gehorsam umfaßt – um durch die vielen Worte ihren Ursprung selbst wahrzunehmen.
Der auferstandene Christus als Lehrer
Beau Dieu (um 1250, Kathedrale von Amiens, Westportal, © Hanns-Gregor Nissing)
Wirksamkeit des Wortes – Wirksamkeit der Schrift
Aufgrund der besonderen Wirkkraft, der ihrem göttlichen Prinzip zukommt, besitzt auch die Heilige Schrift, so Thomas, eine besondere Wirksamkeit und Kraft im Hinblick auf das Heil der Menschen: „Das Evangelium ist eine Kraft Gottes (virtus Dei) zum Heil für jeden, der glaubt” (Röm 1,16). Und der Theologie als Interpretation von Offenbarung ist dementsprechend ein transformativer Charakter eigen: sie vermag die Seelen ihrer Hörer wirksam anzusprechen, zu formen, zu heilen – und zum Leben und zur Vollendung zu führen. In der Sorge um die Seelen und der Vermittlung des Heils sieht Thomas daher dem allerersten Artikel der Summa theologiae ihr erstes und vorrangiges Ziel.
Pointiert hat Thomas seine Auffassung von der Wirksamkeit des göttlichen Wortes und der Heiligen Schrift in den Prologen zu verschiedenen Schriften sichtbar gemacht. Ein Zeugnis von einzigartiger poetischer Dichte findet sich überdies im Auftakthymnus des Fronleichnamsoffiziums „Pange lingua“. Thomas hat es auf Bitten von Papst Urban IV. verfaßt. Über den Augenblick der eucharistischen Wandlung des Brotes in den Leib Christi heißt es dort:
„Verbum caro panem verum/ verbo carnem efficit“
„Das fleischgewordene Wort macht durch sein Wort wahres Brot zu seinem Fleisch.“
Kürzer und zugleich schöner kann man die innere Kontinuität, die zwischen dem fleischgewordenen Wort und seiner Gegenwart unter den Gestalten des Brotes (und des Weines), die durch das wirkmächtige Wort Christi, das Wort der Wandlung, bewirkt wird, wohl nicht zum Ausdruck bringen!
Texte zum Download
Das sprechende Kreuz von Neapel
„Thomas, bene scribsisti de me!“
(Kreuz in San Domenico Maggiore, Neapel, © Hanns-Gregor Nissing)
Aus den letzten Lebensjahren des Thomas berichten die ältesten Biographien eine Anekdote, die sich wie ein „Summenzeichen“ zum Wirken des Thomas und zu seiner „Theologie des göttlichen Wortes“ lesen läßt.
Demnach hörte der Küster im Konvent zu Neapel, als er Thomas beim Gebet heimlich beobachtete plötzlich von dem Ort, wo Thomas betete, vom Bild des Gekreuzigten das Wort: „Thomas, du hast gut von mir geschrieben. Welchen Lohn möchtest du für deine Mühen empfangen?“ Er antwortete: „Herr, nichts als dich!“ (vgl. Wilhelm von Tocco, Historia S. Thomae de Aquino c. 34).
Nun sind, wie man weiß, sprechende Kreuze in Italien nichts Ungewöhnliches – von Franz von Assisi bis Don Camillo. Für Thomas ist mit die Anekdote indessen mit einer besondere Bedeutung verbunden – und dies in mehrfacher Hinsicht: Mit der Belobigung „von höchster Stelle“ scheint zunächst der besondere Charakter der Christus-Verkündigung des Thomas angezielt. Diese aber hat Christus als das ewige und fleischgewordene Wort zum Zentrum. Damit erhält die Tatsache des sprechenden Kreuzes zugleich eine vertiefte Bedeutung: Der gekreuzigte Christus – so läßt sich sagen – spricht, weil er selbst das ewige Wort Gottes selbst ist! Schließlich: Ist dieses Wort für Thomas „normalerweise“ im Wort der Heiligen Schrift vernehmbar und erfahrbar, so findet diese vermittelte Erfahrung hier ihre gnadenhafte Vollendung durch die unmittelbare Anrede.
Das sprechende Kreuz von Neapel wird bis heute in der Kirche San Domenico Maggiore verehrt.
