Die Theorie vom Lehren und Lernen bei Aristoteles
Mit der Neuentdeckung der Schriften des Aristoteles im Hochmittelalter erhält die abendländische Rationalität ihre bis heute gültige Gestalt als Wissenschaft – in ihren Methoden, Prinzipien, Institutionen und literarischen Formen. Zusammen mit seinen Werken, mit der er jeder Disziplin (Ethik, Politik, Naturwissenschaft, Psychologie, Metaphysik) ihre inhaltliche Grundlage gab, vermittelte „der Philosoph“ (wie sein mittelalterlicher Ehrenname lautete) eine eigene wissenschaftliche Methodik. Die Bibel mit Aristoteles lesen, hieß für Thomas und seine Zeitgenossen, sie als Lehrbuch zu lesen, in dem Gott sein Wissen dem Menschen auf geordnete Weise zugänglich macht. Mit der Vielfalt ihrer Beweis- und Überzeugungsmittel enthielt die aristotelische Theorie vom Lehren und Lernen dabei ein breit gefächertes Instrumentarium für die Auslegung, um der Mannigfaltigkeit literarischer Gattungen gerecht zu werden, die sich in der Bibel finden
Biblische Anknüpfungspunkte
Der Anspruch, die Bibel als Lehrbuch zu lesen, findet seine Grundlage in der Heiligen Schrift selbst. Eine besondere Bedeutung hat für Thomas in diesem Zusammenhang der Vers 2 Tim 3,16:
Jede göttlich eingegebene Schrift ist nützlich,
– um zu lehren (ad docendum),
– zu überzeugen (ad arguendam),
– zurechtzuweisen (ad corrigendum) und
– zu unterrichten (ad erudiendum) in der Gerechtigkeit.
Darüber hinaus finden in der Heiligen Schrift verschiedene andere Stellen, welche ihren lehrhaften Charakter hervorheben.
Die Zweiten Analytiken des Aristoteles
Zum entscheidenden Verstehens- und Interpretationsmodell wird für Thomas indessen die Theorie der Zweiten Analytiken, die gleichermaßen eine Theorie vom Lehren und Lernen wie eine Wissenschaftstheorie enthält. Im Unterschied zu anderen logischen Schriften (Kategorien, Peri hermeneias), die seit der Spätantike dem Mittelalter geläufig waren, gehörte das Werk zu jenen Texten, die erst im Rahmen der dritten Phase der Aristoteles-Rezeption ihre Übersetzung und Aneignung gefunden haben. Ihre Rezeption begann mit der griechisch-lateinischen Übersetzung des Jakob von Venedig in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts. Als „methodologisches Rahmenmodell“ sollte sie erst im 13. Jahrhundert die Topik bzw. Dialektik ablösen, die im 11./12. Jahrhundert vorherrschend war. Gleich mit ihrem Auftaktsatz benennt sie ihr Thema:
Jedes Lehren (doctrina) und jedes erkenntnismäßige Lernen (disciplina intellectiva) geht hervor aus einer im Voraus bestehenden Erkenntnis (An. post I 1, 71a1f.).
„Lehre“ (doctrina) meint dabei, „die Tätigkeit dessen, der bewirkt, daß etwas erkannt wird (actio eius qui aliquid cognoscere facit)“,
„Lernen“ (disciplina) dagegen „die Aufnahme dieser Erkenntnis durch einen anderen (receptio cognitionis ab alio)“ (Thomas, Expostio libri Posteriorum I 1).
Damit ist der kommunikative Rahmen umrissen, in dem der Prozeß des Erwerbs und der Darstellung von Wissen geschieht. Denn „Wissen“ oder „Wissenschaft“ (scientia) ist das Paradigma, an dem sich die aristotelische Theorie orientiert.
Zu wissen (scire) aber glaubt ein jeder von uns schlechthin, […]
[1] wenn wir glauben, die Ursache (causam) zu kennen, weswegen (propter quam) etwas ist,
[2] und daß (quoniam) es seine Ursache ist,
[3] und daß es sich nicht anders verhalten kann (non est contingere aliter se habere, Analytica posteriora I 2, 71b9-12).
Wissen meint demnach die Fähigkeit, eine Aussage begründen zu können, sie aus bestimmten Prinzipien herzuleiten, so daß ihr Sicherheit und Notwendigkeit zukommt. Und das Urteil des Wissenden ist demnach nicht nur wahr, sondern auch begründet und gewiß.
Wissen und die vier Ursachen
Eine zentrale Rolle bei der Frage nach den Ursachen spielt in diesem Zusammenhang die „Lehre von den vier Ursachen“, die Aristoteles an verschiedenen Stellen seiner Schriften exponiert und die zum entscheidenden Rahmen seiner wissenschaftlichen Untersuchungen wird.
„Es ist nämlich offensichtlich, daß man Wissen von dem erlangen muß, was von den Ursachen stammt, die am Anfang stehen. Dann nämlich sagen wir, daß wir von einem jeden Gegenstand ein Wissen haben, wenn wir glauben, seine erste Ursache zu kennen. Die Ursachen aber werden auf vierfache Weise unterschieden.
[1] Von diesen sagen wir, daß eine [Ursache] das Wesen oder das Was-etwas-ist ist. Das erste „Wodurch“ einer Sache nämlich wird auf ihren letzten Begriff zurückgeführt, Ursache aber und Anfang ist das erste „Wodurch“ [von etwas], [= causa formalis /Formursache].
[2] eine andere dagegen ist die Materie oder der Träger [= causa materialis/ Materialursache];
[3] eine dritte aber ist das „Woher“ des Anfangs der Bewegung [= causa efficiens/ Wirkursache];
[4] eine vierte dagegen ist die Ursache, die ihm entgegengesetzt ist, und die die Ursache „um dessentwillen“ und das Gute ist. Dies ist nämlich das Ziel jeder Erzeugung und Bewegung [= causa finalis/ Zielursache].
Diese sind ausreichend in den Büchern, die von der Natur handeln, betrachtet worden.“ (Metaphysik I 3 (983a26ff.)
Wissenschaftliche Grundbestimmungen
Hieraus lassen sich die weiteren Bestimmungen zum Beweisverfahren und zur beweisenden Wissenschaft ableiten, durch die Wissen bewirkt wird:
Beweisverfahren (demonstratio) aber nenne ich die wissenschaftliche Schlußfolgerung (syllogismus scientialis), das heißt diejenige, die Wissen hervorbringt (faciens scire; (Analytica posteriora I 2, 71b17ff.)
Notwendigerweise geht das beweisende Wissen (demonstrativa scientia)
[1] aus wahren (ex veris),
[2] ersten (primis),
[3] unmittelbaren (immediatis),
[4] bekannteren (notioribus)
[5] und früheren (prioribus) [Prinzipien],
[6] und den Ursachen der Schlußfolgerung (causis conclusionis) hervor. (Analytica posteriora, 71b19-22)
Ein(e) Wissen(-schaft) ist demnach ein geordneter Zusammenhang von Aussagen, der sich durch logische Schlußfolgerung im Beweisverfahren aus Prinzipien herleiten läßt. Ihren Bezugspunkt haben diese Aussagen in einem einheitlichen „Gegenstand“ (subiectum/ genus subiecti).
In elementarisierter Form läßt sich der Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis, der Fortschritt vom Bekannten zum Unbekannten – und das heißt auch: der Prozeß der Wissensvermittlung, des Lehrens bzw. Lernens – in Gestalt des „beweisenden Syllogismus“ (syllogismus demonstrativus) darstellen, der die Aussage einer „Eigenschaft“ (passio) von einem „Gegenstand“ (subiectum) in seinem „Schlußsatz“ (conclusio) im besten Sinne „erschließt“. Der beweisende Syllogismus ist die klarste Form, das Denken zu ordnen und den eigenen Gedankenfortschritt transparent zu machen. Wer also etwa die Schlußfolgerung vollzieht:
(OS:) Jedes Dreieck hat eine Winkelsumme gleich zwei Rechten.
(US:) Diese Figur da im Halbkreis ist ein Dreieck.
(C:) Folglich hat diese Figur eine Winkelsumme gleich zwei Rechten.
betreibt im aristotelischen Sinne auf einer elementaren Stufe Wissenschaft – in diesem Fall: Mathematik, oder noch genauer: Geometrie (vgl. Aristoteles, Analytica posteriora I 1, 71a19ff.). Im Austausch mit einem anderen vollzieht er einen Akt des Lehrens bzw. Lernens.
Dabei kann der demonstrative Syllogismus als die „Keimzelle“ oder der Grundmaßstab gelten, aus dem das mittelalterliche Verständnis von Wissen und Wissenschaft erwächst. Denn der Schlußsatz des einen Syllogismus kann wiederum als Obersatz eines neuen fungieren, so daß sich idealiter ein hierarchisches System einander ober- und untergeordneter Sätze ergibt, die im Ganzen ein einheitliches „Wissenschaftsgebäude“ bilden. Die Klarheit und Höhe der mittelalterlichen Wissenschaftskultur, die in der europäischen Geistesgeschichte einen einzigartigen Gipfel darstellte, verdankt sich genau solchem Bemühen um Transparenz, wie sie in der syllogistischen Reformulierung der Erkenntnis zum Ausdruck kommt (vgl. die gotischen Kathedralen).
Vom einfachen Syllogismus unterscheidet sich der demonstrative Syllogismus dadurch, daß er von bestimmten inhaltlichen Prinzipien ausgeht, und nicht nur auf eine formale Richtigkeit der Schlußfolgerung abzielt. Dementsprechend gilt der Erörterung der Prinzipien des Beweisverfahrens,
(1) ihrer besonderen Qualität und
(2) ihrer verschiedenen Arten ein Großteil der Überlegungen der Zweiten Analytiken.
Wenn Thomas im Principium biblicum II die Wahrheit, die Notwendigkeit und die Einheitlichkeit des Gesagten als besondere Kennzeichen der Heiligen Schrift herausarbeitet, dann zielt er damit auf eben diese beweistheoretische Beschaffenheit der Aussagen der Bibel.
Der Mensch und sein Streben nach Wissenschaft und Erkenntnis
Von entscheidender Bedeutung für das aristotelische „Wissenschaftsmodell“ ist schließlich seine Rückbindung an einen habituellen Rahmen, d.h. an die Dispositionen in der Person des Wissenschaft treibenden, des Lehrenden oder Lernenden: „Wissen“ ist für Aristoteles und Thomas ein Habitus der menschlichen Seele. Dementsprechend war die Definition zu Beginn mit Blick auf das menschliche Selbstverständnis formuliert („Zu wissen glauben wir…“).
Das wissenschaftliche Beweisverfahren, der demonstrative Syllogismus, vollzieht sich daher nicht nur zwischen Prinzipien und Konklusionen, sondern auch zwischen den Haltungen der „Einsicht“ (intellectus) und des „Wissens“ (scientia). Wissen und Einsicht aber gehören zu jenen intellektuellen Tugenden, die Aristoteles im 6. Buch der Nikomachischen Ethik beschreibt und die den Menschen in seinem natürlichen Streben nach Erkenntnis und Wahrheit vervollkommnen sollen. Denn hierin besteht seine endgültige Glückseligkeit. Auf die Frage nach der „Einsicht in die Prinzipien“ (intellectus principiorum) und die besondere Art ihres Zustandekommens, bei denen der Wissensprozeß seinen Anfang nimmt, laufen die Ausführungen der Zweiten Analytiken daher als auf ihren Zielpunkt hin.
Im Ganzen wird das aristotelische Modell damit transparent auf jene große Grundbestimmung des Menschen, die „der Philosoph“ über sein Werk stellt und die die gesamte innere Sinnrichtung seiner summarisch auf den Punkt bringt: „Alle Menschen streben von Natur nach Wissen.“ (Metaphysik I 1).
Ein flexibles Modell des Lehrens und Lernens
Zwar orientiert sich Aristoteles in seinem wissenschaftstheoretischen Entwurf primär an der Mathematik, doch ist ihm bewußt, daß nicht jede Wissen bzw. jede Wissenschaft hat die gleiche Sicherheit haben kann.
Auch gibt es andere Formen, um Erkenntnis zu erwerben und zu vermitteln, z.B. die dialektische Argumentation, die rhetorische oder die poetische Rede, auf die er gleich im zweiten Satz der Analytica posteriora hinweist (vgl. An. post. I 1, 71a5-11).
Auch wenn diese verschiedenen Formen sich
(1) nach der Qualität der Beweisprinzipien (und ihrer Gewißheit) und
(2) nach der Erkenntnisart, die sie erzeugen: Meinung, Vermutung, Einschätzung unterscheiden, so lassen sie sich verstehen als Ableitungsformen vom Paradigma der Wissensvermittlung, die allesamt dazu dienen können, zu lehren und zu lernen.
Auf der Basis dieser Vorlage entwickelt Thomas ein wissenschaftstheoretisches Modell, das insgesamt acht Teile umfaßt ([Begriffs- und Urteilslehre], Beweisverfahren, Syllogistik, Topik, Rhetorik, Poetik, daneben sophistische Widerlegungen), und besitzt damit ein flexibles Instrumentarium, um die Heilige Schrift und die Verschiedenheit ihrer Textgattungen (Reden, Briefe, Geschichten, Gedichte, Sprüche etc.) auszulegen.
So kann er einerseits die Paulus-Briefe oder die großen Reden Jesu in den Evangelien in ihrer Argumentationsstruktur beweistheoretisch rekonstruieren und im Rahmen des Fragens nach Ursache, Gründen und Prinzipien die Definitionen der verwendeten Begriffe zutage fördern.
Andererseits vermag er aber auch die Rolle des poetische Ausdrucks würdigen, wie es zumal seine Auslegungen zu den Prophetenbüchern und den Psalmen zeigen.
Dadurch wird es möglich, die Theologie als Wissenschaft auszuweisen und die Bibel als ein Lehrbuch.
Im Ganzen kann Gott so nach dem zu Beginn von Princ. II gewählten Leitmotiv tatsächlich als Lehrer erscheinen, der dem Menschen mit allen logischen, rhetorischen und sinnenhaften Mitteln zum Fortschritt in der Erkenntnis und damit zur Vollendung seines Wesens verhelfen will.
Texte zum Download
Thomas von Aquin, Auslegung zum Buch der Zweiten Analytiken I 1: Die acht Teile des Organon (Text, lat.-dt.)
Thomas von Aquin, Auslegung zum Buch der Zweiten Analytiken I 1: Lehren und Lernen (Text, lat.-dt.)
Thomas, Auslegung zum Buch der Zweiten Analytiken I 2: Die grundlegenden Definitionen (Text, lat.-dt.)
Thomas, Kommentar zur Metaphysik I 4: Die Vier-Ursachen-Lehre (Text, lat.-dt.)
Thomas, Kommentar zur Physik II 5: Die Vier-Ursache-Lehre (Text, lat.-dt.)
Thomas, Kommentar zu De anima II 7: Die Vier-Ursachen-Lehre (Text, lat.-dt.)
Thomas, Auslegung zum Buch Peri hermeneias I 7: Verschiedene „Sprechaktklassen“ (Text, lat.-dt.)
