„Pariser Bibel“
Um 1250 (Köln, Museum Schnütgen, © Hanns-Gregor Nissing)
Die Bibel des Thomas von Aquin
Grundlage seiner Schriftauslegung ist für Thomas, die sog. Vulgata, die lateinische Bibelübersetzung, die der hl. Hieronymus (348/9-420) im 5. Jahrhundert angefertigt bzw. redigiert hatte (und die übrigens bis heute der verbindliche Bibeltext der römisch-katholischen Kirche ist). Hieronymus hatte seinen Übersetzungen bzw. Überarbeitungen der verschiedenen biblischen Bücher Prologe vorangestellt, die für die spätere Auslegung eine rezeptionsleitende Bedeutung hatten. – Nicht weniger wichtig ist eine buchtechnische Neuerung, die in der Zeit des Thomas aufkommt. War der Bibeltext bisher nur (je nach liturgischem oder pastoralem Zweck) in Teilausgaben zusammengefaßt worden, so ist in der sog. „Pariser Bibel“ der gesamte Text des Alten und Neuen Testaments zum ersten Mal in einer handlichen Ausgabe zwischen zwei Buchdeckeln versammelt. Damit aber wird die Bibel ganz plastisch als „ein Buch“ wahrnehmbar, das die Erkenntnis Gottes vermittelt.
Die Vulgata
Man hat die „Vulgata“ (lat. „die Volkstümliche“, „Allgemeinverbreitete“) als „eines der wichtigsten literarischen Denkmäler der abendländischen Kultur“ (R. Gryson) bezeichnet, ohne dessen Kenntnis „die Geistes- und Kulturgeschichte des christlichen Abendlands unverständlich bleiben muß“ (L. Schwienhorst-Schönberger). Mit ihr habe Hieronymus (um 348/9-420) „ein stilistisch einheitliches und literaturästhetisch anspruchsvolles Kunstwerk geschaffen, das Sprache, Spiritualität und Theologie des abendländischen Mittelalters tief geprägt hat“ (A. Fürst).
Die Vulgata trat an die Stelle einer Reihe verschiedener älterer lateinischer Bibelübersetzungen, die unter dem Sammelbegriff „Vetus Latina“ zusammengefaßt werden. Durch die unübersehbare Vielzahl örtlich unterschiedlicher lateinischer Übersetzungen hatte sich die Notwendigkeit einer einheitlichen Textfassung ergeben.
(1) Vermutlich auf Bitte von Papst Damasus hatte Hieronymus daher zunächst während seiner Jahre in Rom (382-385) eine flüchtige Revision der altlateinischen Übersetzungen der vier Evangelien anhand des griechischen Originaltextes vorgenommen.
(2) In Bethlehem überarbeitete er ab 384 dann einige Bücher des Alten Testaments anhand der sog. „Hexapla“ des Origenes (185-253/4). Hierbei handelte es sich um eine Bibeledition, die in sechs Spalten den hebräischen Text, dessen griechische Transkription und vier weitere griechische Übersetzungen, u.a. die der sog. Septuaginta (LXX), enthielt.
Diese Revision des Hieronymus, die nur bruchstückhaft erhalten ist, umfaßte lediglich die Psalmen (iuxta Septuaginta, erhalten als Psalterium Gallicanum), das Buch Ijob (erhalten), die Sprichwörter (Vorrede erhalten), das Hohelied (erhalten), das Buch Kohelet (Vorrede erhalten) und die beiden Bücher der Chronik (Vorrede erhalten).
(3) Von 393 an unternahm er schließlich eine vollständige Übersetzung des Alten Testaments „nach dem Hebräischen (iuxta Hebraeos)“, wobei er vermutlich wiederum die Hexapla des Origenes zu Hilfe nahm. In diesem Zusammenhang entstand eine zweite Übersetzung des Psalters (iuxta Hebraeos).
Andere Bücher, wie Weisheit, Jesus Sirach, Baruch und die Bücher der Makkabäer hat Hieronymus offenbar nie bearbeitet, so daß sie noch heute in einer altlateinischen Übersetzung vorliegen.
Zur „Vulgata“, d.h. zur „allgemein gebräuchlichen“ Bibel wurde der Text in der lateinischen Kirche ab dem 7. Jahrhundert. (Der Begriff selbst wurde allerdings erst im Umkreis des Konzils von Trient geprägt.) Da der Text immer wieder bearbeitet wurde, sind regional unterschiedliche Textversionen erhalten, die auch in der Folge immer wieder Revisionen erforderlich machten. Maßgeblich wurde die in karolingischer Zeit durch Alkuin (735-804) vorgenommene, der u.a. an die Stelle des Psalterium iuxta Hebreaos das Psalterium iuxta Septuaginta setzte, so daß sich diese Version der Psalmen in den folgenden Jahrhunderten durchsetzte (sog. „Alkuin-Bibel“). Sie bestimmte die weitere Textrezeption bis zur Zeit des Thomas. In seinen späteren Kommentaren wird Thomas entsprechend mehrere verschiedene Textversionen zu Rate ziehen, um den genauen Sinn eines Schriftwortes zu erhellen.
Von Bedeutung für die spätere Wirkungsgeschichte ist ferner, daß die einzelnen biblischen Bücher mit Vorworten versehen waren, die verschiedenen Briefen und Schriften des Hieronymus entstammten und die eine wichtige rezeptionsleitende Rolle spielten (vgl. insbesondere den sog. „Prologus galeatus“ zu den Königsbuchern). Sie wurden im Laufe der mittelalterlichen Überlieferungsgeschichte ergänzt durch (Interlinear- oder Marginal-) Glossen, die den Bibeltext erklärend begleiteten.
Die „Pariser Bibel“
Mit der sog. „Pariser Bibel“ entstand an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert ein neuer Typus von Bibelhandschrift, der von Frankreich aus massenhafte Verbreitung gefunden hat. In ihr wird das neue Verständnis der Heiligen Schrift im Hochmittelalter im besten Sinne des Wortes „faßbar“. Zugleich lieferte die „Pariser Bibel“ eine wesentliche Vorgabe für die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihr.
Bis dato hatte es sich bei den meisten Bibelhandschriften, die im allgemeinen Gebrauch waren, um separate Bände oder Serien gehandelt, die jeweils einige Abschnitte der Bibel umfaßten oder zu liturgischen oder katechetischen Zwecken kompiliert waren. Zwischen etwa 1170 und 1210 wurden nun diese verschiedenen Komponenten in einem einzigen Band zusammengefaßt, der erstmals sämtliche Bücher der Heiligen Schrift zwischen zwei Buchdeckeln vereinigte. Christopher de Hamel hat die verschiedenen Impulse, die dazu führten, ausführlich und luzide beschrieben und in vier Punkten zusammenfaßt (vgl. zum folgenden Das Buch. Eine Geschichte der Bibel, Berlin 2002):
1. Verkleinerung des Formats
Technisch möglich wurde die Konzentration sämtlicher biblischer Schriften in einem Band einerseits (a) durch die Verwendung dünneren Pergaments, vor allem aber (b) durch die Verkleinerung der Schrift, (c) ihre zusätzliche Verdichtung durch Abkürzungen – wozu sich die verwendete gotische Schrift besonders gut eignete– und (d) die Reduktion der Illuminationen zugunsten von Textblöcken mit nur kleinen Initialen. Auf diese Weise konnte der gesamte Text der Heiligen Schrift in Büchern Platz finden, die das durchschnittliche Format von 250 x 215 cm hatten. Eine Seite enthielt dabei etwa 50-55 Zeilen in zwei Spalten. Insgesamt umfaßte eine solche Bibel etwa 400 Seiten. – Damit aber bot die „Pariser Bibel“ die Möglichkeit, daß das Wort Gottes als Einheit und Ganzheit neu in den Blick treten konnte.
2. Standardisierte Ordnung der Bücher in einem einzigen Band
Mit der Einheit der Bibel wurde zugleich die exakte Anordnung ihrer Teile zum Thema. So wurden die Schriften des Alten und Neuen Testaments in einer neuen Reihenfolge dargeboten, die sich in erster Linie praktischen Gründen verdankte und im Ganzen stärker der griechischen, als der hebräischen Tradition folgte.
Im Unterschied zur hebräischen Dreiteilung des Alten Testaments in (1) Tora, (2) Propheten und (3) Schriften (sog. „TaNaCh“), legte die Einteilung der Pariser Bibel den Akzent auf die Notwendigkeit, die Historie von der Prophetie zu trennen und die Erzählungen der Frühgeschichte in chronologischer Weise anzuordnen, bevor die „zeitloseren“ Bücher der Psalmen und Propheten folgten. Im Ganzen weist diese neue Reihenfolge, die ein verstärktes Interesse an der Heilsgeschichte zeigt, bereits große Ähnlichkeiten mit jener Anordnung auf, wie sie sich in heutigen Bibeln findet.
3. Ergänzungen durch Prologe und eine alphabetische Liste von Eigennamen
Eine Vereinheitlichung fand schließlich auch im Hinblick auf die Prologe statt, die den Bibeltext begleiteten. Viele Bücher der lateinischen Bibel begannen traditionell mit kurzen Vorworten zum Text oder zum Autor, oft handelte es sich dabei, wie angedeutet, um Auszüge aus den Schriften des Hieronymus.
Im ersten Drittel des dreizehnten Jahrhunderts wurden diese in den neuen einbändigen Bibeln standardisiert, wobei manche ausgeklammert, andere hinzugefügt wurden. Insgesamt enthielte eine typische „Pariser Bibel“ 64 Prologe, die z.T. so eng mit den dazugehörigen Texten verbunden wurden, daß der Eindruck entstand, sie seien ein Teil der Bibel selbst. Dementsprechend wurden die biblischen Bücher in jenem Verstehenshorizont rezipiert, der dort durch die Informationen zum Autor, Entstehungszeit, zum Inhalt etc. markiert wurde.
Zu einem weiteren Standardmerkmal der Bibel wurden ab etwa 1230 außerdem alphabetische Listen von biblischen Eigennamen, die sog. Interpretationes nominum hebraicorum, die im Anschluß an den Bibeltext angefügt wurden. Diese Listen boten jeweils alternative Auslegungen für ein einzelnes hebräisches Wort oder einen Namen.
4. Einteilung in numerierte Kapitel
Die sicherlich nachhaltigste Neuerung, welche die „Pariser Bibel“ enthielt, war die Einführung von Kapitelnummern für alle biblischen Bücher, die ebenfalls zum Standard wurden und im Übrigen bis heute verwendet werden. Schon zuvor hatte es Versuche gegeben, die biblischen Schriften in überschaubare Passagen aufzuteilen – sei es zum Nachschlagen oder für liturgische Lesungen. Doch waren diese Einteilung oft willkürlich und widersprüchlich und zudem uneinheitlich.
Nicht zuletzt angestoßen durch die Bedürfnisse der Kommentartätigkeit des 12. Jahrhunderts entwickelte sich im Kontext des frühen Universitätsbetriebs in Paris während des ersten Viertels des 13. Jahrhunderts das geläufige System der Kapitelnumerierung, das sich schnell in ganz Europa verbreitete. Gemeinhin gilt Stephan Langton (um 1150-1228), von ca. 1180 bis 1206 Magister in Paris, als sein Schöpfer. Sie wurden ergänzt durch Kolumnentiteln an den oberen Seitenrändern, die den Namen des betreffenden Buchs vermerkten, so daß eine einfache und schnelle Orientierung und „Navigation“ im gesamten Bibeltext möglich war.
All diese Veränderungen wirkten darauf hin, die Bibel zu einem „benutzerfreundlichen“ Buch zu machen, zu einem Nachschlagewerk, das sich bequem konsultieren und nützen ließ – insbesondere für das Studium und die Verkündigung. Damit entsprachen sie der allgemein vorherrschenden Tendenz jener Zeit, Texte zugänglicher zu machen, Informationen zu ordnen und zu arrangieren, damit sie rasch und einfacher waren. „Merkmale wie die logische Reihung der Texte, die Kapitelnumerierung, alphabetische Konkordanzen, Inhaltsverzeichnisse, Kolumnentitel usw. waren typisch für viele Bücher jener Zeit.“(C. Hamel)
Die „Pariser Bibel“ und die Bettelorden
Vor allem jedoch entsprach die Bibel in dieser Gestalt auf ideale Weise jenen Ansprüchen und Bedürfnissen, welche die Bettelmönche, und insbesondere die Predigerbrüder, mit ihrer Sendung verbanden. Es waren daher die Bettelorden, die maßgeblich zur Verbreitung der „Pariser Bibel“ beitrugen. C. de Hamel nennt wiederum vier Gründe, an denen diese Entsprechung deutlich wird:
- Tragbarkeit. – In ihrem handlichen Taschenformat, in der sie „nicht dicker [war] […] als viele der heutigen Taschenbücher“, paßte die „Pariser Bibel“ in die Kuttentaschen eines Bettelmönchs. Sie konnte so bequem auf den weiten Reisen mitgeführt werden und war bei der Predigttätigkeit unmittelbar zur Hand. Vorbild für die Taschenbibel war offenbar das Brevier, das wichtigste Gebetbuch jedes Klerikers, also auch der Bettelmönche.
- Charakter als Standardwerk. – Bei der Verkündigung und zumal bei der Auseinandersetzung mit Irrlehrern verkörperte sie darüber hinaus ganz plastisch die Autorität, auf die man sich berief, in einem Buch: „Die Bettelmönche waren sich schnell bewußt, welch symbolischen Wert ein dreidimensionaler Gegenstand darstellte, der die Gesamtheit des Wortes Gottes repräsentierte. […] Sie brachten die Definition der Heiligen Schrift als einer heiligen Einheit in fast jedes Dorf Europas“.
- Charakter als Nachschlagewerk. – Zugleich war die „Pariser Bibel“ in der oben beschriebenen Weise praktisch gut nutzbar, wenn es darum ging, schnell und treffend geeignete Bibelpassagen für die Predigt oder die Disputation zu finden bzw. durch das Zitieren von Texten und Kapitelnummern der eigenen Verkündigung Gewicht und Glaubwürdigkeit zu verleihen.
- Käufliche Erwerbbarkeit. – Die Bedürfnisse der Bettelorden gingen schließlich einher mit der zu Beginn des 13. Jahrhunderts zumal in Paris entstehenden „Industrie“, die Bücher kopierte und dekorierte und dabei einen wachsenden Markt versorgte. Da jeder Bettelmönch eine Bibel für seine Predigttätigkeit brauchte, wurden Tausende von Abschriften nötig, die durch die Orden nicht selbst hergestellt werden konnten und daher käuflich erworben wurden. Dabei waren die Bibeln der Bettelmönche Besitz des Ordens und wurden den Brüdern nur auf Lebenszeit ad usum geliehen. In ihrer besonderen Gestalt versetzten sie den einzelnen Ordensmann gleichwohl in ein gleichermaßen haptisches wie persönliches Verhältnis zu dem von ihm verkündigten Wort Gottes: In der „Pariser Bibel“ trug man den Herrn gewissermaßen in der ganzen Fülle seiner Weisheit auf materielle Weise mit sich! Und höchstwahrscheinlich war auch Thomas mit einer solchen Ausgabe der Vulgata unterwegs.
Im Unterschied zur intensiven Wechselbeziehung, in der die „Pariser Bibel“ hinsichtlich ihrer Verbreitung zu den Bettelorden steht, ist ihre Rolle im Zusammenhang der seinerzeit entstehenden Universität unklar. Auch wenn sie gern als „Universitätsbibel“ bezeichnet wird, scheint sie doch verglichen mit den Bedürfnissen der Wandermönche für den Studienbetrieb von geringerem Nutzen gewesen zu sein. Man wird ihre dortigen Stellung daher wohl eher auf jener allgemeineren Ebene zu bestimmen haben, auf der in Bettelorden, und insbesondere die Dominikaner in Verbindung und Austausch mit der universitären Bewegung standen, die sich im Laufe des 12. Jahrhunderts entwickelt hatte. Denn mit innerer Konsequenz stellte ihre apostolische Sendung und die Notwendigkeit, die dafür erforderlichen Voraussetzungen zu schaffen, die Predigerbrüder in eine unmittelbare Nähe zum geistigen Leben jener neuen Institutionen, die in jener Zeit in den Städten in ganz Europa entstanden.
Bibelstudien bei den Dominikanern
Und in der Tat haben die dominikanischen Studienhäuser, insbesondere die sog. „Generalstudien“ (studia generalia), an denen die Studenten aus allen Provinzen des Ordens studieren konnten, historisch einen wesentlichen Einfluß auf die Entwicklung der Hochschulen gehabt, wie etwa in Paris, oder bildeten sogar selbst deren eigentliche Keimzelle, wie in Köln.
Insbesondere für den Pariser Konvent St. Jacques und dem Namen des Hugo von St. Cher (um 1200-1263), der von 1230 bis 1233 dort Lektor war, ist eine intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit der Bibel belegt.
– Hier entstanden angesichts der Verderbnis der heiligen Bücher Textüberarbeitungen in Form von Korrektorien im Rückgang auf den Urtext, und eine Revision des Vulgata-Textes, der ein eindrucksvolles Interesse für Textkritik belegt.
– Hier wurde erstmals eine „Verbalkonkordanz“ mit mehr als 10.000 Einträgen erstellt, um eine buchstabentreue und organische Auswertung der Texte in Verbindung mit dem Kontext und den Parallelstellen zu ermöglichen.
– Hier unternahm man Versuche von Übersetzungen in die Volkssprache zum Gebrauch für die neuen städtischen Laieneliten.
– Hier verfaßte Hugo von St. Cher als Frucht seiner Lehrtätigkeit einen Kommentar zur ganzen Heiligen Schrift, die Postilla super totam Bibliam, der wegweisend sein sollte für die späteren akademischen Kommentare der Universität.
