Das „Principium biblicum“ – Auftakt und Arbeitsprogramm

Im Frühsommer des Jahres 1256 hält der junge Magister Thomas von Aquin an der theologischen Fakultät der Pariser Universität seine An­trittsvorlesung. Zum ersten Mal gibt er darin Auskunft über sein Selbstverständnis und Lehrer und Theologe. Er führt es zurück auf die Heilige Schrift, die er entsprechend empfiehlt und mit einer umfassenden Einteilung versieht, in dem jedes der 73 Bücher des Alten und Neuen Testaments, mit einem Leitthema versehen wird und seinen organischen Platz findet. Damit formuliert Thomas zugleich das „Arbeitsprogramm“ seiner exegetischen Schriften. Bezeichnenderweise ist die Antrittsvorlesung des Thomas unter dem treffenden Titel „Principium biblicum“ überliefert.

Das Principium I „Rigans montes”

Gemäß den Gepflogenheiten der Pariser Universität war die Vorlesung zweigeteilt. Als biblisches Mottowort für den ersten Teil, das eigentliche principium, dient Thomas ein Vers aus dem großen Schöpfungspsalm 104, das der Vorlesung ihren Namen gab: „Rigans montes“ – „Die Berge tränkst du von deinen Höhen, aus deinen Wolken wird die Erde satt“ (Ps 104 [103],13). Diesem Bild entsprechend teilt sich die göttliche Weisheit, durch das Bild der Höhen symbolisiert, zunächst dem Verstand der Lehrer mit, der durch die Berge versinnbildlicht wird. Durch deren Tätigkeit tränkt sie mit ihren Strömen den Verstand der Zuhörer, im Psalmwort: die Erde.

„Die Berge tränkst du von deinen Höhen“ (Ps 104,13)

Biblia sacra (Ende 13. Jh., © Köln, Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek, Cod. 2, 160r)

Damit sind die Themen der Vorlesung formuliert, und Thomas spricht im folgenden über (1) über die Größe der geistlichen Lehre, (2) die Würde ihrer Lehrer, (3) die erforderlichen Voraussetzungen von Seiten der Schüler und (4) über die Ordnung (oder Regeln) ihrer Mitteilung.

In diesem Zusammenhang bedenkt er auch die drei Aufgaben des theologischen Magisters: (a) die Lesung (lectio), (b) die Disputation (disputatio) und (c) die Predigt (praedicatio). 

Bereits zu Beginn des 13. Jahrhunderts waren diese drei Aufgaben von der Pariser Universität in ihren Statuten verbindlich festgelegt worden:
(a) Während sich die lectio am autoritativen Lehrtext eines Faches orientierte,
(b) bildete die disputatio eine Form aktiver Pädagogik, die sich aus der Textlektüre und den sich an diese anschließenden Fragen und Zweifeln entwickelt und verselbständigt hatte.
(c) Seinen Abschluß fand das intellektuelle Bemühen schließlich in der praedicatio als einer wissenschaftlich fundierten Form der Verkündigung.

Die genannte Dreifachunterscheidung ist zugleich dazu geeignet, in das Werk des Thomas von Aquin eine grundlegende Struktur einzuzeichnen und seine etwa 80 Schriften um diese drei Aufgaben des theologischen Magisters zu ordnen.

Das Principium II „Hic est liber“

Ausgangs- und Bezugspunkt seiner Tätigkeit ist für den Theologen dabei stets die Heilige Schrift, ihre Lesung und Kommentierung- Denn es ist das Wort der Heiligen Schrift, in dem die göttliche Weisheit vor allem zugänglich und vernehmbar wird.  So kommt es übrigens auch in der mittelalterlichen Benennung des Theologen zum Ausdruck, der im 13. Jahrhundert gleichermaßen „Magister sacrae doctrinae“ und „Magister in Sacra Scriptura“ (oder „Magister in sacra Pagina“) heißt.

Thomas schließt daher im zweiten Teil seiner Antrittsvorlesung, der sog. resumptio, unter der Bar 4,1 entnommenen Überschrift „Hic est liber“ („Dies ist das Buch der Weisungen Gottes“) eine umfassende Empfehlung (commendatio) und Einteilung (partitio) der Heiligen Schrift an.

Leitmotiv seines Entwurfs ist das Bild Gottes als Lehrer, der seine Weisheit und Erkenntnis den Menschen auf geordnete Weise weitergeben will, und die Bibel erscheint so als „Lehrbuch“ für die Theologie.

Empfehlung der Heiligen Schrift. – Ihren einzigartigen Rang entwickelt Thomas entlang der aristotelischen Vier-Ursachen-Lehre mit Blick auf (1) ihren Ursprung, (2) ihren Gegenstand und (3) ihr Ziel.

(1) Weil Gott der erste Urheber der Heiligen Schrift ist, ist ihm unfehlbar Glauben zu schenken. Dabei ist ausdrücklich zu betonen, daß die Urheberschaft Gottes für Thomas die Mitwirkung menschlicher Autoren, der biblischen Schriftsteller, die zu verschiedenen Zeiten mit unterschiedlichen Absichten für unterschiedliche Hörer bzw. Leser an den biblischen Büchern geschrieben haben, keineswegs ausschließt, sondern sie ausdrücklich unterstreicht. Mit seinem Konzept der Inspiration faßt Thomas das Zusammenwirken von göttlichem und menschlichem Autor ausgleichend ein, um  letzteren als echte Zweitursache zurück an die göttliche Urheberschaft zu binden.

(2) Von hier aus ist die Heilige Schrift empfohlen durch die in ihr enthaltene Wahrheit, deren Fülle und Kraft, und durch die Wirksamkeit des Gesagten, die Thomas mit dem Begriff „Gesetz“ (lex) expliziert,

(3) sowie ihren Nutzen für den Menschen, der darin liegt, ihn zum ewigen Leben zu führen.

Einteilung der Heiligen Schrift. – Der letztgenannte Aspekt ist dabei zugleich der leitende Gesichtspunkt für die umfassende Einteilung der Heiligen Schrift, mit der Thomas die Bibel in ihrer Ganzheit in den Blick nimmt: Der primäre Sinn der Bibel ist es, den Menschen zum Leben zu führen! Doch sind auch die anderen Gesichtspunkte in seiner Gliederung erkennbar.

Zum biblischen Angelpunkt wird ihm der Vers Joh 1,18, mit dem sich die grundlegende Unterscheidung zwischen Altem und Neuem Testament belegen läßt: „Das Gesetz ist durch Mose gegeben, Gnade und Wahrheit aber sind durch Christus geworden.“

„Gesetz“ und „Gnade und Wahrheit“ sind so die großen Schlüsselbegriffe der beiden Teile der Bibel. Von hier aus entwickelt er eine jeweils dreifache Struktur in den beiden Testamenten, die sich entsprechend in
(1) Gesetz, (2) Propheten und (2) Hagiographen (Altes Testament) bzw. in
(1) Evangelien, (2) Paulus-Briefe und (3) sonstige Schriften (Neues Testament) unterscheiden lassen. In sukzessiver Untergliederung ergibt sich so weiterhin eine geordnete Übersicht über die Heilige Schrift als ganze, in der jedem Buch ein eigenes Thema im organischen Zusammenhang der Bibel zugeordnet ist.

Insofern diese Leitthemen ihrerseits zu Ausgangspunkten werden, bei denen die einzelnen Kommentare ansetzen, um sie weiter zu entfalten, zeigt sich das „Principium biblicum“ als „Arbeitsprogramm“

Die „theologische Konzeptualisierung“, die Thomas mit seiner Empfehlung und Einteilung der Heiligen Schrift vornimmt, erlaubt darüber Akzentsetzungen im Hinblick auf Themen, die für ihn in der weiteren Ausformung seiner Theologie als Wissenschaft von Wichtigkeit werden.

Die Bedeutung des „Principium biblicum“ in der frühen Biographie und Ikonographie

Die programmatische Bedeutung dieser „ersten Worte“ des neu ernannten Magisters der Theologie ist in den frühen Biographie deutlich wahrgenommen und herausgestellt worden.

So hebt Thomas‘ ältester Biograph, Wilhelm von Tocco (um 1240-1323) in seiner Historia S. Thomae Aquinatis (1323) die Pariser Antrittsvorlesung als Ursprung hervor, aus dem sich alle weiteren Inhalte seiner Lehre ergeben und verständlich werden. Ihrem Mottowort entsprechend erscheint die Theologie des Thomas ihm wie

ein Strom, der von der Lehre der Heiligen Schrift überfloß: Sie brach in ihm von oben hervor und strömte aus dem Quell der göttlichen Weisheit herab, und er leitete sie ab in die verschiedenen Bücher wie in verschiedene Bäche. (Historia c. 18, Z. 93-96)

Dementsprechend stellt Tocco in seinen Beschreibungen immer wieder die besonderen Fähigkeiten des Thomas als Exeget und biblischer Theologe heraus. Der fast zeitgleich entstandenen Vita Sancti Thomae Aquinatis (1324, 2. Fassung 1325-26) des Bernhard Gui  (1261/2-1331) gilt das Thema der Antrittsvorlesung darüber hinaus nicht nur als Titel und Ausgangspunkt seiner theologischen Arbeit, sondern auch als Mitte und Ziel seines Schaffens insgesamt (vgl. Vita Sancti Thomae Aquinatis, c. 12, ed. Prümmer, 179).

Um ihre Wichtigkeit herauszustellen, ist die Antrittsvorlesung des Thomas in den ältesten Biographien darüber hinaus hagiographisch reich ausgestaltet worden. Insgesamt liegen drei verschiedene Berichte vor. So erzählt Wilhelm von Tocco davon, Thomas habe sich der übertragenen Aufgabe, Magister zu werden für unwürdig gehalten und daher Zuflucht zum inständigen Gebet gesucht, als ihm „ein alter, sehr ehrwürdiger Bruder desselben Ordens“ erschienen sei, der ihm das Mottowort der Vorlesung aus Ps 104 (103),13 mitteilte. Tocco fährt deutend fort:

Dieses Wort war nicht nur der Leitgedanke der  Anfangsvorlesung, die er halten sollte, sondern es zeigte den Erfolg seines gesamten Studiums an, weil er damit, was er von der Bergen göttlicher Einsicht empfing, die ganze Kirche wie einen Acker, der mit göttlichem Samen betaut war, mit dem Regen der Weisheit sättigte. (Historia c. 17, Z. 24-27)

Auch in der frühen Ikonographie hat die ursprünglich biblische Dimensionierung der Theologie des Thomas von Aquin einen beachtlichen Niederschlag: Nicht nur wird er auf den ältesten Bildern als Schriftgelehrter dargestellt, der dem Betrachter – mitunter in der Art einer Monstranz – die ausgeschlagener Bibel präsentiert, von der die Strahlen des Lichts und der Einsicht ausgehen. Wiederholt findet sich gerade das Initium „Rigans montes“ als Text, der auf den aufgeschlagenen Seiten zu lesen ist, so etwa in verschiedenen Darstellungen bei Fra Angelico (1395/99-1455).

Die historische Hintergründe

Thomas war etwa 32 Jahre alt, als er seine Antrittsvorlesung in Paris hielt. Im Februar 1256 hatte er durch den Kanzler der Universität von Paris die kirchliche licentia docendi – gewissermaßen seine Ernennung – erhalten, verbunden mit der Aufforderung, sich auf seine Antrittsvorlesung, die im Rahmen einer eigenen Aufnahmezeremonie, der sog. inceptio, zu halten war, vorzubereiten. Diese Anordnung ist dank einer Bulle Alexanders IV. (1254-1261) vom 3. März 1256 bekannt.

Zwei besondere Umstände bestimmten die Berufung des Thomas:

(1) Zum einen hatte er das für einen Magister vorgeschriebene Alter von 35 Jahren noch nicht erreicht.

(2) Zum anderen sahen sich die Bettelorden an der Pariser Universität seit 1250 einer starken Opposition seitens der Magister aus dem Weltklerus gegenüber. Sie war durch das Auftreten der Mendikanten entstanden, die kraft ihrer Privilegien der Autorität der lokalen Kirchenobrigkeit entzogen waren und als verlängerter Arm der Päpste erschienen. Konkret kreiste der Streit nicht zuletzt um die Zahl der Lehrstühle, die den Bettelorden zugespro­chen werden sollten. So hatten die Magistri aus dem Weltklerus etwa ihren Schülern verboten, bei den Mendikanten zu studieren, und diese sogar exkommuniziert. Es war dem energischen Eingreifen von Papst Alexander IV. zu verdanken, daß die Exkommunikation gegen die Dominikaner aufgehoben und die sofortige Aufnahme in die Fakultät angeordnet wurde.

Thomas wurde ausgewählt, trotz seines jungen Alters den für die Dominikaner vorgesehenen Lehrstuhl zu übernehmen. So begann er, sich in den Monaten zwischen März und Juni 1256 auf seine inceptio vorzubereiten.

Die Ausbildung des Thomas

Zu dieser Zeit hatte Thomas bereits eine längere Zeit der Ausbildung durchlaufen.

(1) Am Anfang hatte das Studium der artes liberales gestanden, da ja die Philosophie als die erste und grundlegende Disziplin und als Voraussetzung für alle höheren Fakultäten (Theologie, Jurisprudenz, Medizin) galt. Thomas hat das Philosophiestudium nach der Ausbildung in Montecassino in Neapel 1239 begonnen und nach der zwischenzeitlichen Gefangenschaft durch die Familie vermutlich in Paris (1245-1248) und Köln (1248-1252) beendet.

(2) Das Studium der Theolo­gie begann er vermutlich parallel in Paris und schloß es spätestens in Köln ab.

(3) Es folgte die Ausübung der Aufgaben eines baccalaureus biblicus oder Assistenten, wohl ebenfalls bei Albert in Köln. Die ersten „kursorischen“ Schriftkommentare fallen in diese Zeit.

(4) Es schloß sich die Tätigkeit als baccalaureus sententiarum an, d.h. der Arbeit an der Kommentierung der Sentenzen des Petrus Lombardus, für die er 1252 auf Empfehlung Alberts wieder nach Paris geschickt worden war und unter der Leitung von Elias Brunet an der theologischen Fakultät lehrte. An ihrem Ende war er baccalaureus formatus.

(5) Nach dem Durchlaufen dieser Statio­nen wurde die Lehrbefugnis (licentia docendi) erteilt, wobei  das Abhalten der An­trittsvorlesung  die letzte Hürde vor der Ausübung des Magi­steriums darstellte.

Die Regeln der Pariser Universität

Das Verfahren der inceptio folgte festen Regeln. Es sollte die Fähigkeiten des Bewerbers in den drei Hauptaufgaben eines Magisters der Theologie unter Beweis stellen: (1) zu lesen (legere), (2) zu disputieren (disputare), (3) und zu predigen (praedicare).  Zu diesem Zweck bestand es aus verschiedenen Teilen und umfaßte zum einen die Erörterung von vier Fragen, die der Kandidat für den akademischen Disput vorschlug, sowie zum anderen zwei von ihm zu haltende Vorträge.

(1) Zwei der Fragen wurden am Abend vor dem Tag der Inauguration (vesperis) im Beisein aller Magister und Bakkalarei erörtert. Anschließend hielt der Magister des Kandidaten eine Lobrede (commendatio) auf den künftigen Magister.

(2.1) Es folgte am nächsten Vormittag der erste der beiden Vorträge im Rahmen der Inaugurationszeremonie, die in der Aula des Bischofs von Paris stattfand, das sog. principium in aula. Diese Vorlesung bildete den Höhepunkt innerhalb der Promovie­rungszeremonie. Sie sollte gleichwohl kurz sein. Zuvor hatte der neue Magister einen Eid geleistet und seinen Magisterhut erhalten, worauf der Kanzler die licentia incipiendi erteilte.

(2.2) An den Vortrag schloß sich sodann die Erörterung der beiden anderen Fragen an.

(3) Das Verfahren endete mit einer weiteren Vorlesung, der sog. resumptio, am ersten Tag der Lehrtätigkeit (dies legibilis) des neuen Magisters (seiner erste Handlung als vollberechtigter Meister), in der dieser sein  principium vollendete.

In den Bestimmungen der Universität gab es überdies klare Regeln für den Inhalt der beiden Vorträge:

(1) Das principium in aula sollte „eine Würdigung der Heiligen Schrift und einen Vergleich der Heiligen Schrift mit anderen Fachgebieten“ enthalten,

(2) die resumptio dagegen eine „Aufteilung und Beschreibung der Bücher der Bibel“ darlegen. Der Sinn einer solchen divisio lag offenbar darin,  dem Kandidaten die Möglichkeit zu geben, seine Kenntnis der gesamten Bibel zu zeigen – war sie doch das zentrale Lehrbuch und Bezugspunkt des Fachs –, und sein Verständnis dafür, wie die verschiedener Teile zueinander in Beziehung stehen.

Bereits um 1180 waren principia Bestandteil der Promotionszeremonie, d.h. etwa dreißig Jahre, bevor die Universität Paris überhaupt rechtlich existierte (ca. 1215). Das früheste stammt von Stephan Langton (ca. 1180). Ab 1238 entwickelte sich ferner die Tendenz, daß zunächst die commendatio vorgetragen wurde, die später in aula hieß, und dann die divisio, die später resumptio genannt wurde.

Der Blick auf die Regeln und Gebräuche der Pariser Universität macht jedenfalls deutlich, daß es sich bei den thomanischen principia – ihrem Thema und ihren Inhalten – keineswegs um Unikate handelt. Aus dem 12. und 13. Jahrhundert sind vielmehr eine Vielzahl von Texten enthalten. Unter den insgesamt 150 biblische principia, die wir heute besitzen, hat N. Spatz ausführlich untersucht (vgl.Principia: A study and edition of inception speeches delivered before the faculty of theology at the University of Paris, ca. 1180-1286. Cornell University ProQuest Dissertations & Theses,  1992).

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